Jungle World
Nummer 27 vom 06. Juli 2005
Deutsche
Zeitbombe
Wie Wolfgang Kraushaar versucht, den vergessenen Antisemitismus der 68er zu
enthüllen.
Mit seinem neuen Buch »Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus« will Wolfgang
Kraushaar den Historisierungsprozess des deutschen Linksterrorismus
vorantreiben. Mittels in Kapiteln angeordneter Ereignisprotokolle, Interviews
und locker aufbereiteter Rechercheergebnisse untersucht er den misslungenen
Bombenanschlag auf die Jüdische Gemeinde in Berlin, der am 9. November 1969
von der Guerilla-Organisation »Tupamaros West-Berlin« verübt wurde.
An dem Tag fanden sich 250 Menschen in der Gemeinde an der Fasanenstraße ein,
um des nationalsozialistischen Pogroms vom 9. November 1938 zu gedenken. Den
mutmaßlichen Auftraggeber der antisemitischen Tat hat Kraushaar in Dieter
Kunzelmann ausgemacht, dem selbsternannten »Großmufti des Chaos« aus der
berüchtigten »Kommune I«: »Mit Geschick zog er aus dem Untergrund die Fäden.
Er hatte seine Leute, die bereit waren, für ihn durchs Feuer zu gehen«,
urteilt der Autor in einem ganzseitigen Artikel, den er zum Erscheinen seines
Buchs in der FAZ publizierte.
Als eigentliche Sensation aber präsentiert Kraushaars Publikation einen
ausführlichen Bericht des bis heute im Exil lebenden Albert Fichter, der dem
Autor freimütig erzählt hat, wie er die Bombe im Auftrag Kunzelmanns
deponierte. Der mutmaßliche Täter nutzt darin den »Augenblick, um bei der
Berliner Jüdischen Gemeinde für diese üble Tat um Vergebung zu bitten«.
Wie konnte es zu diesem antisemitischen Anschlag aus den Reihen der Linken
kommen? Offensichtlich sah der Kreis um Kunzelmann, in dem Kraushaar
einen »Kern aus der Zerfallsmasse der 68er-Bewegung« erkennt, die
Möglichkeit, das Scheitern innenpolitischer Zielsetzungen »durch eine
Steigerung der Gewaltmittel« zu kompensieren. Dass zu den Zielen dieser
Aktionen »vor allem jüdische und israelische Einrichtungen« zählten,
insinuiert, dass Kunzelmann Antisemit war. Kraushaar zitiert Fichter: »Der
Dieter Kunzelmann hat ja immer von Saujuden geredet und ständig gehetzt. Er
ist damals wie ein klassischer Antisemit aufgetreten.«
Kunzelmann selbst hat sich in seiner Autobiografie mit dem Titel »Leisten Sie
keinen Widerstand« 1998 von dem Anschlag distanziert und seine Beteiligung
bestritten: »Jedem Linken hätte eigentlich klar sein müssen, dass eine
derartige Aktion keinerlei Sympathien für die legitimen Anliegen der
Palästinenser zu wecken vermochte; ganz zu schweigen davon, dass sie sich
angesichts der deutschen Vergangenheit von selbst verbietet.« Kraushaar lässt
sich von Kunzelmanns nachträglicher »moralischer Brandmauer« nicht weiter
irritieren.
Derartige Enthüllungen sind Kraushaars Mission. Im letzten, zusammen mit Jan
Philipp Reemtsma und Karin Wieland herausgegebenen Band »Rudi Dutschke,
Andreas Baader und die RAF« geriet bereits Dutschke ins Fahndungsraster des
promovierten Politologen vom »Hamburger Institut für Sozialforschung«.
Kraushaar stellte fest, dass das Konzept der gewaltsamen Stadtguerilla auf
Dutschke und Kunzelmann zurückgegangen sei also »die vielleicht wichtigsten
Akteure der 68er-Bewegung«.
Auch an den Dadaismus erinnernde Provokationen, die zunächst noch nicht zu
blutigem Ernst wurden, sind Kraushaar zufolge erste Anzeichen für die
bevorstehende Gründung der RAF. So stellt auch sein neues Buch einen weiteren
Abgesang auf die 68er dar. Habe doch die zerfallende Bewegung vor einem offen
antisemitischem Antiimperialismus bald nicht mehr zurückgeschreckt. »Ausgestoßene, Marginalisierte, Trebegänger, Tramps« hätten das Ruder übernommen, wie es in der Einleitung des Bands heißt: Typen wie der
»Drop-out« Andreas Baader etwa, oder eben der ehemalige Coburger Banklehrling
Kunzelmann, der nach Kraushaars Dafürhalten an einer »offenbar tiefverankerten antisemitischen Disposition« laborierte.
Tatsache ist allerdings, dass auch der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) bald begann, »offen antiisraelisch aufzutreten und damit Kritikern Gelegenheit zu geben, aus ihrer antizionistischen Einstellung eine kaum verdeckte antisemitische herauszulesen«, wie Kraushaar schreibt. Plötzlich galt es als schick, in den Nahen Osten zu reisen, um sich dort in palästinensischen Terrorcamps für den bewaffneten Kampf ausbilden zu lassen.
Kraushaar verknüpft diese zeitgeschichtlichen Beobachtungen mit der Analyse des Attentats vom 9. November: Was hier geschah, ist für ihn nur im Zusammenhang mit vorangegangenen antisemitischen Ausfällen wie etwa dem Vorfall vom 9. Juni 1969 in der Frankfurter Universität erklärbar, wo der erste israelische Botschafter in der Bundesrepublik, Asher Ben-Natan, auf Einladung des Bundesverbandes Jüdischer Studenten in Deutschland (BJSD) einen Vortrag zur israelischen Position im Nahostkonflikt halten sollte.
Ben-Natan wurde »im berühmt-berüchtigten Hörsaal VI« von palästinensischen Störern und Studenten niedergebuht. Die von Kraushaar zitierte Bild-Zeitung titelte damals: »Beschämend! Krawalle wie bei den Nazis«, während die Welt erklärte: »Wer heute
Zionisten raus aus Palästina! ruft, muss wissen, dass er den Völkermord beschwört, dass er ein zweites Auschwitz für die Juden will.«
Es waren nicht wenige SDS-Mitglieder, die seinerzeit plötzlich begannen,
Linienmaschinen zu besteigen, um als herzlich empfangene Gäste des damaligen
Al Fatah-Anführers Yassir Arafat in Jordanien für den revolutionären
Guerillakampf zu trainieren. Hans Jürgen Krahl, den Kraushaar in seinem Buch
als den »intellektuellen Kopf des Frankfurter SDS« vorstellt, erklärte damals
der Zeit: »Was sollen wir in Israel? Dort gehen wir hin, wenn es sozialistisch
geworden ist.«
Auch Kunzelmann absolvierte einen solchen Wüsten-Kursus frei nach dem
Motto: »Mit dem Joint in der linken Hand, Revolution in Arabienland«. Ein
Ausflug, den Kraushaar genauer nachzuzeichnen versucht. »Bei meinen
Schießübungen bestand nicht nur für mich, sondern auch für alle Umstehenden
allerhöchste Gefahr«, erinnert sich Kunzelmann in einem der von Kraushaar
zitierten Selbstzeugnisse.
Inwiefern bei derartigen Wehrsportübungen bereits Pläne für das Attentat vom
9. November 1969 gefasst wurden, bleibt ungeklärt. Kunzelmann und die Seinen
nahmen sich jedenfalls nach ihrer Rückkehr nach Berlin eine Stadtguerilla-
Bewegung aus Uruguay, die Tupamaros, zum Vorbild. Auch nach der
glücklicherweise nicht detonierten Bombe im jüdischen Gemeindehaus verübten
sie noch eine ganze Reihe weiterer chaotischer Brand- und
Sprengstoffanschläge, frei nach der Parole: »High sein, frei sein, Terror
muss dabei sein«.
Ob nun Kraushaar am Ende damit Recht hat, »dass der Antisemitismus für die in
Deutschland operierende Stadtguerilla nichts weniger als ein Konstituens
gewesen ist«, das sich für die Geschichte der RAF »als kontinuitätsstiftend
erwiesen hat«, bleibt dahingestellt. So vermitteln die Aussagen der hilflos
wirkenden Komplizin Kunzelmanns, Annekatrin Bruhns, die von Kraushaar zitiert
wird, zumindest den Eindruck, hier hätten akute Drogenprobleme und bizarre
persönliche Abhängigkeiten mindestens eine ebenso große Rolle gespielt.
Vorbei kommt man an den wichtigen Fragen, die Kraushaars Studie aufwirft,
trotzdem nicht mehr.
jan süselbeck