Gästebuch

   

Kölner Stadt-Anzeiger, 30. März 2005

Anders wider Willen

VON SEBASTIAN ZÜGER

Von ihren Kommilitonen unterscheiden sich Michaela, Regina und Michael in nichts. Doch weil sie jüdischer Herkunft sind, ist alles anders.

Köln - Nein, normal ist das nicht, und vermutlich wird es das auch nicht mehr werden. Die Synagoge an der Roonstraße ist ein Gotteshaus, ein offener Ort eigentlich, an dem Menschen ihren Glauben leben können sollen. Doch wer hinein will, muss eine Schleuse passieren, vorbei an einem Pförtner. Die jüdischen Kölner müssen sich auch heute noch schützen vor jenen lebensgefährlichen Geistern, die vor 67 Jahren - in der Pogromnacht 1938 - schon einmal kamen und die Synagogen der Stadt plünderten und zerstörten. Das Haus in der Roonstraße wurde 1958 wiederaufgebaut als Einziges von vormals vier Synagogen in Köln.

Man kann sich auch heute nicht, viele Jahrzehnte danach, mit Studierenden jüdischer Herkunft treffen, ohne sich an die Ereignisse zur Zeit der Nazidiktatur zu erinnern. Und die gegenwärtigen Entwicklungen, etwa das Aufkommen von „Pro Köln“ im Stadtrat, liefern neuen unerfreulichen Gesprächsstoff. „Ich würde am liebsten sofort Alarm schlagen“, sagt Regina Goldfarb (21), die 1999 aus Kasachstan nach Deutschland kam und an der Kölner Uni Volkswirtschaft studiert. „Das ist eine europaweite Entwicklung. Die Gefahr kommt nicht nur von rechts, sondern auch von islamistischer Seite.“ Michaela Fuhrmann (22), Politikstudentin und ein echtes kölsches Mädchen, gibt ihr Recht: „Man muss dem von Anfang an begegnen“, sagt sie. „Antisemitismus ist kein Einzelfall.“

Zusammen mit Michael Boiman (25), der an der FH Gummersbach Informatik studiert, und weiteren Mitstreitern aus einer lockeren Gruppe jüdischer Studenten, die sich regelmäßig trifft, wollen sie nun an Ort und Stelle Aufklärungsarbeit leisten. ISQ - „Israel Short Questionary“ - heißt das Projekt. Dabei soll es außer um das Leben als Jude in Deutschland auch um das Land Israel gehen. „Wir wissen aus eigener Erfahrung, dass die Informationen in den Medien über Israel oft einseitig sind. Wir wollen zeigen, dass es in Israel nicht nur Krieg gibt, sondern auch ein normales Leben“, sagt Michaela. Diese Botschaft ist ihr wichtig, obwohl sie Köln ohne jede Einschränkung ihr Zuhause nennt: „Bei uns Juden wird immer das Andersartige betont. Dabei unterscheiden wir uns ja eigentlich nur durch die Religionszugehörigkeit. Ich will deshalb nicht anders behandelt werden. Ich feiere den Sabbat mit meiner Familie - und danach geh ich in die Disko.“

Aus solch einer Haltung bezieht auch Michael seine Motivation, sich für ISQ zu engagieren. „Ich übe meine Religion kaum aus, auch meine Eltern sind nicht religiös“, sagt er. „Aber ich möchte schon klarstellen, dass man in Israel nicht zum Hass auf Palästinenser erzogen wird, wie es hierzulande oft dargestellt wird.“ Im Alter von neun Jahren kam Michael nach Deutschland. Noch immer fliegt er oft in die alte Heimat. „Der neue Palästinenserführer Mahmud Abbas war der beste Kandidat für den Friedensprozess“, sagt er. „Ich hoffe jetzt, dass sich die Situation zwischen beiden Ländern normalisiert.“

Vor Ort allerdings, in Köln, wird das Anormale auf absehbare Zeit Alltag bleiben. Eine Synagoge ohne Kontrolle am Eingang kann sich hier niemand vorstellen.