Gästebuch

   

Jüdische Allgemeine, 25. November 2004

„Steht auf,wenn ihr Juden seid!"

Dreihundert Fans drückten Maccabi Tel Aviv beim Spiel gegen Bayern München die Daumen

von Tobias Kaufmann

Für Jaels Geschmack haben sich die Fußball-Neulinge etwas zu schnell an den manchmal rüden Ton der Fans angepaßt. Als der Stadionsprecher die Mannschaftsaufstellung des FC Bayern München für das Spiel gegen Maccabi Tel Aviv in der Champions League bekannt gibt, ruft er wie immer nur die Vornamen der Kicker ins Mikrophon. Die Nachnamen schallen aus 45.000 Kehlen zurück. Nummer eins Oliver...Kaaahn. Jael, die Bayern-Fan ist, steht diesmal im Maccabi-Fanblock mit einem israelischen Fähnchen in der Hand.„Heute sind wir alle Maccabäer, lautet schließlich die Parole." Der Neunzehnjährigen fällt es nicht schwer, für diese Partie die Seiten zu wechseln. Ein Spiel von Maccabi ist für sie etwas Besonderes. Doch als Jaels Nachbarin, die zum ersten Mal in einem Fußballstadion ist, sich den anderen Maccabi-Fans anschließt und statt „Kahn " voller Inbrunst „Arschloch " brüllt, muß Jael zugeben, daß es ein wenig wehtut gegen das eigene Team zu sein. Aber sie lächelt.

Mehr als dreihundert Eintrittskarten für die Gästekurve haben der Bundesverband Jüdischer Studenten (BJSD) und Makkabi Frankfurt innerhalb weniger Tage in Deutschland verkauft. Viele jüdische Fans sind per Bus aus Berlin gekommen, acht Stunden Fahrt für neunzig Minuten Fußball in einem naßkalten Stadion. Daß Maccabi Tel Aviv an diesem Dienstag abend gewinnen wird, daran glaubt niemand ernsthaft.„Vielleicht schießen wir ja ein Tor, das wäre schon was ",sagt David, Student aus München. So denken die meisten. Viele haben noch nie ein Fußballspiel live gesehen, und die Spieler von Maccabi kennen sie nicht. Trotzdem haben sich einige einen Davidstern oder die Vereinsfarben des israelischen Vizemeisters ins Gesicht gemalt. Alle schwenken Israelfähnchen. Fans für einen Abend. 

Zwölf Minuten lang dürfen sie träumen, daß das kleine Maccabi den großen Bayern ein Bein stellen kann. Dann kommt Pizarro. Bayerns Peruaner kurvt durch das Mittelfeld der Israelis und schießt den Ball genau unter die Latte. Während Triumphmusik durch Münchens Olympiastadion schallt und die Bayernspieler eine Jubeltraube auf dem Rasen bilden, fühlen viele der deutschen Maccabi-Unterstützer oben auf der Tribüne zum ersten Mal diesen Stich den ein Gegentor im Magen eines Fans setzt.

Avraham Klimnik kennt das Gefühl. Er zieht seine rote Mütze über die Ohren und schaut grimmig. Der Achtundsechzigjährige ist mit seinem zehn Jahre jüngeren Bruder Ifim aus Berlin zum Spiel gekommen.„Wir identifizieren uns mit Maccabi, schließlich ist das eine jüdische Mannschaft ",sagt Avraham. Es schwingt bei fast allen im Fanblock Stolz mit, wenn sie über das israelische Team reden. Fehlpässe werden verziehen, der Schock des Gegentors ist schnell vergessen. „Maccabi Olé " schallt es durch den Block. Auf dem Spielfeld flackert ein bißchen Widerstand auf. Mittelfeldspieler Cohen wirft sich in einen Schuß und wehrt den Ball mit dem Kopf kurz vor der Torlinie ab. Auf der anderen trifft Abo Siam die Latte.„Maccabi, Maccabi." Dann schießt Bayern noch zwei Tore. Halbzeit.

„Roman Abramowitz hätte lieber Maccabi kaufen sollen ",sagt Avraham verärgert. Doch der russisch-jüdische Geschäftsmann hat seine Ölmilliarden lieber in den Londoner Club FC Chelsea investiert. Zweite Halbzeit.„Steht auf, wenn ihr Juden seid ",singt Gabriela plötzlich. Nach kurzem Zögern stimmen andere Maccabäer in den neuen Schlachtruf der dreizehnjährigen Berlinerin ein. Nach einer knappen Stunde gibt es Elfmeter für Maccabi .Dego trifft. Obwohl die Bayern noch zweimal zurückschlagen und am Ende mit fünf zu eins gewinnen, reißen auch die Maccabi -Fans die Arme hoch, als die La-Ola-Welle durch das Stadion wogt.

Für das Ergebnis hat Avraham nur ein Achselzucken übrig. Dann zeigt er auf die Jugendlichen, die die Stufen hinabsteigen, um dem Feld näher zu sein, von dem aus die Spieler als Dank für die Unterstützung artig in die Kurve winken.„Gucken Sie sich die jungen Leute an. Es sind so viele gekommen und zeigen, daß wir zusammengehören. Das macht mich stolz." Er klopft seinem Bruder auf die Schulter. Auf dem Weg zur After-Match-Party bleiben Avraham und Ifim am Denkmal für die Opfer des Olympia-Attentats von 1972 stehen. Maccabi hat vor dem Spiel dort einen Kranz niedergelegt, dunkelblaue, orange und gelbe Blumen. Inzwischen haben jüdische Fans den Kranz mit ihren Israelfähnchen gespickt. Ein paar Studenten haben sich untergehakt, Ballons in die Luft geworfen. Sie singen die israelische Nationalhymne. Zum Trost gab ’s noch ein Tor: Dego verwandelte für Maccabi einen Elfmeter.

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