Gästebuch

   

Jüdische Allgemeine, 5. August  2004

Lena Eyngorn ist seit dem 1. Juni Vorsitzende des Bundesverbandes Jüdischer Studenten in Deutschland

„Ich bin Zionistin.“ Es sei ein besonderes Lebensgefühl, das sie nirgendwo anders empfunden habe, weder in der Ukraine, wo sie 1982 in Zaporozye geboren wurde, noch in Deutschland, in das sie 1998 mit ihren Eltern kam, sondern nur in Israel. Es sei das Gefühl, etwas verändern zu können, mitzuhelfen, daß etwas geschieht. „Israel ist wie ein Spiegel. Wenn man hineinlächelt, bekommt man immer ein Lächeln zurück“, beschreibt sie ihre Liebe zum jüdischen Staat. Trotzdem ist Lena Eyngorn, die neue Vorsitzende des Bundesverbandes Jüdischer Studenten in Deutschland (BJSD), 2001 nach drei Jahren Israelaufenthalt mit einem israelischen Abitur in der Tasche nach Deutschland zurückgekehrt, „um hier zu studieren“. Die Zweiundzwanzigjährige studiert Medienwissenschaften und politische Wissenschaft mit dem Schwerpunkt Nahost an der Universität in Potsdam. 

Ihre Eltern und die kleine Schwester leben in Rostock. In der Stadt, in die sie 1998 gekommen sind. Und aus der Lena schon nach drei Monaten floh, um die Großeltern in Israel zu besuchen. Drei Wochen verlebte sie bei ihnen. Im folgenden Herbst zog Lena Eyngorn in den Kibbuz Ein Haschofot, in der Nähe von Haifa, um dort am Leo-Baeck-College in die Schule zu gehen und ihr Abitur zu machen – natürlich auf hebräisch. Heute lebt Lena Eyngorn in einer kleinen Einzimmerwohnung im Berliner Bezirk Wedding. Aber eigentlich weiß sie gar nicht, „warum ich Miete zahle, denn die meiste Zeit bin ich hier“ – und deutet über den Hof der Joachimstaler Straße 13 auf die Außentreppe, die zum Souterrain unter der Synagoge führt. Der kleine Raum gleich links ist eigentlich schon seit mehr als einem Jahr ihr zweites Zuhause. Im vergangenen Jahr nutzte sie das Büro als Vorsitzende des Berliner Studentenverbandes, seit dem 1. Juni als Chefin des Bundesverbandes. Das ist nun zwei Monate her, sagt sie zögernd, fast als wolle sie, daß die Zeit nicht allzu schnell verrinnt.

Ein Jahr hat sie nur Zeit und in diesem will sie vieles schaffen. „Als Vorsitzende des Berliner Verbandes wußte ich manchmal nicht, wo mir der Kopf stand.“ Da galt es den Chanukkaball für vierhundert Gäste vorzubereiten. Beim Purimball war es ähnlich. Oder die Namenslesung zum Jom Haschoa. „Zwei Wochen lang war ich nur damit beschäftigt, Menschen anzusprechen, ob und wann sie bei der Lesung mitmachen.“ In ihre Amtszeit als Bundesvorsitzende fiel das Herzl- Seminar Mitte Juli in Hohenems „Theodor – ein Zionist mit Herzl“. Kaum aus Österreich zurückgekehrt, folgt ab 22. August die Summer University. Bis zu vierhundert Studenten aus ganz Europa wollen in und um Berlin herum untergebracht sein. Monate vorher tüftelte sie zusammen mit German Djanatliev aus Heidelberg und Aviad Halbani aus Hamburg, ihren Mitstreitern im Vorstand des BJSD, das Programm aus: „Jüdisch sein in Europa“. Jeden Tag wird über ein anderes Unterthema diskutiert werden: „Familie“, „Lebensstil“, „Geschichte“, „Judentum und Moderne“ sowie „Israel“.

Wenn sie von der Organisation redet, spricht Lena Eyngorn immer von „wir“, denn „ohne die anderen, ohne ein Team ist die Arbeit im Studentenverband ohnehin nicht zu schaffen“. Und vor allem nicht ohne Uriel Kashi, den Geschäftsführer des BJSD. Er hatte sie überredet, nach dem einen Jahr als Vorsitzende des Berliner Studentenverbandes noch ein weiteres für den Bundesverband dranzuhängen. Uriel hat ihr auch geholfen, beim Jüdischen Museum Berlin einen Job zu finden. Diese Stelle sichert ihr ein wenig den Lebensunterhalt. Sie führt deutsch- und russischsprachige Besuchergruppen durch den Libeskindbau. Die deutschen Gruppen seien ihr lieber, sagt sie. „Die stellen sich ihrer Vergangenheit, sind interessiert und wollen etwas Neues erfahren.“ Bei russischsprechenden Gruppen träfe sie häufig auf Unverständnis, wenn nicht sogar heftige Ablehnung. Eine Gruppe ukrainischer Polizisten ist ihr besonders schlimm in Erinnerung geblieben. „Zum einen konnten die sich am frühen Nachmittag kaum auf den Beinen halten, weil sie betrunken waren. Zum anderen beschimpften sie mich übel, als ich ihnen erzählte, daß die Ukrainer bei der Massenexekution von Juden in Babi Jar mitgeholfen hätten.

Das sei Verleumdung und jüdische Propaganda und stimme nicht, pöbelten sie“, erzählt Lena Eyngorn. Für ihr Studium schreibt sie gerade an einer Abschlußarbeit über die „Darstellung des Nahost-Konflikts in den deutschen Medien“. Das ist ein Thema, das auch unter den jüdischen Studenten heiß diskutiert wird. Ein anderes ist Israels Sicherheitszaun. Aber eigentlich möchte die junge Frau etwas wegkommen von den üblichen „Israel-Themen“. „Bei den regelmäßigen Treffen des Berliner Verbandes haben wir auch Themen wie Kultur, Theater, Musik, Leben im Kibbuz oder Israel als Hightech-Land aufgenommen. Solche Themen möchte ich auch gerne in die neuen Bundesländer bringen“, sagt die Zweiundzwanzigjährige. Außer dem Norddeutschen Studentenverband Jons, der für Studierende von Hamburg bis Rostock zuständig ist, gibt es keine Studentenorganisation in Ostdeutschland.  „Im Herbst wollen wir mit unseren Dienstreisen anfangen, nach Magdeburg, Leipzig, Erfurt, überall hinfahren, um junge Menschen anzusprechen, ihnen zeigen, was andere machen, und was sie mit unserer Hilfe selbst auf die Beine stellen können.“ Gerade für die jüngere Generation gebe es in den ostdeutschen Gemeinden so gut wie keine Angebote, meint die BJSD-Vorsitzende. „Dort gibt es vor allem Programme für Senioren und Zuwanderer, für junge Studierende ist kaum etwas vorgesehen.“ 

Lena Eyngorn möchte den Zwanzig- bis Dreißigjährigen ermöglichen, ein Lebensgefühl zu entwickeln, wie sie es selbst im Studentenverband gefunden hat: Jüdischkeit leben unter jungen Juden in Deutschland – gemeinsame Kabbalat Schabbat- Feiern, Partys, Seminare, regelmäßige Treffen. Ohne Studentenverband könne sie sich in Deutschland kein jüdisches Leben vorstellen. „In Israel war das kein Problem. Ich lebte ja unter Juden.“ Hier in Deutschland definiert sie sich über die Religion. Speisevorschriften einhalten, regelmäßige Gottesdienstbesuche – alles Fragen, die sich für sie erst in Deutschland stellten. „In Israel spielte Religion für mich nicht die große Rolle. Wir waren ja in der Mehrheit.“ Der Kibbuz, in dem sie lebte, hatte nicht einmal eine Synagoge. „In Deutschland sind wir Juden eine Minderheit und finden uns eigentlich nur in der Religion wieder.“ Zwei bis drei Stunden pro Woche, so wünscht sie es sich, sollte jeder junge Jude mit kulturellen, wissenschaftlichen, religiösen Fragen zum Judentum zubringen.

Und dafür seien Studentenverbände da. Als BJSD-Vorsitzende ist Lena Eyngorn erst einmal ein Jahr lang reichlich ausgelastet. „Anders geht es nicht. Und das gilt für alle, die mitmachen oder früher diesen Job gemacht haben“, weiß Lena Eyngorn durch Gespräche mit ehemaligen BJSDVorsitzenden. Die Erschöpfung von einem Jahr als Vorsitzende des Berliner Studentenverbandes merkt man der schlanken jungen Frau mit dem roten Lockenschopf jedenfalls nicht an. Trotz schlafloser Nächte vor Sorge, bei der Summer University könnte etwas nicht klappen, wirkt sie ruhig und gelassen. Und was kommt danach? Studium, Beruf. Sie würde gern Journalistin werden. Vielleicht Korrespondentin in Israel? „Warum nicht? Nach Israel möchte ich auf jeden Fall wieder zurück, ich bin doch Zionistin.“

Hier findet ihr den Text als PDF mit einem Foto von Lena. (Zum Anschauen benötigt ihr den Acrobat Reader)