Gästebuch

   

(c) Jüdische Allgemeine, 22. April 2004 

Nicht nur Schabbat feiern. Der Jüdische Studentenverband will neue Angebote machen  

von Michael Olmer

„Jeder Mensch hat einen Namen“: Die alljährliche Namenlesung zur

Erinnerung der 55.696 ermordeten Berliner Juden vor dem Gemeindehaus an

der Fasanenstraße am vergangenen Sonntag und Montag war die erste

größere Veranstaltung, die der neugewählte Vorstand des Jüdischen

Studentenverband Berlin (JSB) organisiert hat. JSB-Vorstandsmitglied

Leyna Eyngorm war dafür verantwortlich. Die Einundzwanzigjährige hatte

die Mitglieder dazu aufgefordert, sich an der Namenslesung zu

beteiligen: „Wir haben ungefähr zweitausend jüdische Studenten in

Berlin, der JSB erreicht von ihnen etwa fünfhundert, dreihundert sind

bei uns Mitglied. Fünf bis zehn von ihnen haben sich im Vorfeld bereit

erklärt, aktiv an der Namenslesung teilzunehmen.“

Seit Ende vergangenen Jahres ist der achtköpfige Vorstand des JSB im

Amt. Sitz des Verbandes ist der Studentenkeller im gemeindeeigenen

Gebäude an der Joachimstaler Straße. Hier treffen sich die

JSB-Mitglieder entweder ganz zwanglos, oder sie kommen gezielt zu den

verschiedenen Veranstaltungen: Zweimal pro Woche gibt es einen

Intensiv-Hebräischkurs, einmal im Monat einen sogenannten Israeltreff,

auch ein Kochkurs „JSB kocht gefillte Fisch“ steht auf dem Programm.

Darüber hinaus gibt es verschiedene religiöse Angebote: einen „Open Beit

Midrasch“ mit Rabbiner Yitshak Ehrenberg zum Beispiel. Regelmäßig

treffen sich die Studenten auch zum Kabbalat Schabbat, zum gemeinsamem

Kiddusch am letzten Freitag im Monat. Auch dabei ist die Teilnehmerzahl

höchst unterschiedlich. „Wir saßen bereits zu viert und haben geplaudert

und manchmal muss man im Vorraum essen, da es keinen Platz mehr gibt“,

berichtet Alfred Goldenberg, der sich um die Öffentlichkeitsarbeit des

Studentenverbands kümmert.

Goldenberg glaubt, dass bei den jungen Leuten durchaus ein prinzipielles

Interesse an Aktivitäten im jüdischen Umfeld bestehe. „Aber ich bin mir

oft nicht sicher, ob die Angebote den Studenten Spaß machen.“ Anne

Borchert, die sich um Korrespondenz und Mitgliederbetreuung im Verband

kümmert, verweist darauf, dass man die Angebote in Zukunft auf jeden Fall

attraktiver machen will, um auch als „Forum für politische und

sozialgesellschaftliche Diskussionen“ ernstgenommen zu werden. Man suche

daher „den Kontakt zur Presse und der breiteren Öffentlichkeit ­ als

eine Art Boomerangeffekt, der die Leute aufhorchen und eventuell

häufiger in den Keller kommen lässt, nicht nur zu Partys, sondern auch,

um sich zu engagieren.“

Dass dieses Engagement unbezahlt und uneigennützig ist, das ist für Anne

Borchert gerade der Sinn einer ehrenamtlichen Tätigkeit. Auch die

stellvertretende Vorsitzende Tatjana Paradnava-Gabriel (26) sieht die

Arbeit „nicht als ein Opfer, sondern als ein Privileg, etwas an andere

Leute weiterzugeben, was ich selbst über das Judentum gelernt habe.“

Während ihres Gesangsstudiums in New York habe sie das jüdische Leben

richtig entdeckt. Als sie vor anderthalb Jahren nach Deutschland

zurückkam, konnte sie vieles nicht wiederfinden, was ihr in den

Vereinigten Staaten im jüdischen Bereich geboten worden war. In Berlin

will sie nun einen Beitrag dazu leisten, die Situation zu verbessern.

Als studentische Vereinigung der Berliner Jüdischen Gemeinde sind die

JSB-Aktivitäten vom Gemeindegeschehen nicht zu trennen. Nicht nur

deshalb, weil der Studentenverband mit der schwierigen finanziellen

Situation der Gemeinde zu kämpfen hat, wegen derer auch die Budgets für

eigene Aktivitäten schrumpfen. In vielerlei Hinsicht spiegelt er auch

die Gemeinderealität wieder: Fast siebzig Prozent der JSB-Mitglieder

sind Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Goldenberg

betont wie wichtig es daher sei, gegen das Image eines „Russentreffs“

anzugehen, gleichzeitig auch die Interessen der Alteingesessenen und der

neu hinzugekommenen Studenten unter einen Hut zu bringen.

Dabei geht es nicht immer nur um Innerjüdisches. „Visionen und Optionen

in Deutschland“ war ein Thema einer der letzten JSB-Diskussionsrunden.

Und genau das soll ein zentraler Aspekt in der zukünftigen Arbeit des

JSB sein werde: „Ich sehe meine Zukunft in Deutschland und deshalb

müssen wir hier aktiv werden“, so der sechsundzwanzigjährige

JSB-Vorsitzende Avi Toubiana. Alfred Goldenberg ist gleicher Meinung.

Schließlich habe die Verknüpfung von Judentum und Deutschland eine lange

Geschichte. Das Judentum könne mit „positiven gesellschaftlichen und

politischen Entwicklungen rechnen, die in den nächsten Jahren Früchte

tragen werden“, selbst wenn es sich auch nicht verheimlichen ließe, „daß

Juden von so manchen hier, wenn überhaupt, dann lieber von hinten

gesehen werden.“

Der JSB will sich jedoch von vorne zeigen. Nur in Form einer direkten

Beteiligung am öffentlichen Diskurs könne man „Brücken schlagen zur

nichtjüdischen Welt“, was nun mal eine Bedingung für junge Juden sei,

damit sie es „cool finden hier in Berlin und bewußt als Juden leben zu

können“, so Goldenberg.

Informationen über den JSB und seine Aktivitäten: www.jotesbe.de