Gästebuch

   

(c) Berliner Zeitung, 17. April 2004 

Auf den Wittenbergplatz!  

von Nikolaus Bernau

Wer nach Israel fährt, hört immer wieder: Die Europäer lassen uns alleine, die Situation ist wie 1933, als Juden Angst haben mussten, sich öffentlich zu zeigen. Jetzt wurde aus Sicherheitsgründen die jährliche Verlesung der Namen jener Berliner Juden, die unter den Augen ihrer Nachbarn deportiert und ermordet wurden, vom Wittenbergplatz in den Vorhof des Gemeindezentrums an der Fasanenstraße verlegt. Wenn das erst einmal bekannt geworden ist, wird es schwierig zu sagen, mancher in Israel leide an Verfolgungswahn.

Von Sonntag um 19.30 Uhr bis voraussichtlich Montag gegen 24.00 Uhr soll der 55 696 ermordeten Berliner gedacht werden. Die Ängste der Jüdischen Studentengemeinde vor den Nachtstunden sind ernst zu nehmen, vor zwei Tagen wurde in Budapest ein Attentat auf das neue Holocaust-Museum verhindert, und auch in Berlin nehmen antisemitische Schmierereien und Drohungen zu. Doch gerade deswegen sollte die Lesung unbedingt auf dem Wittenbergplatz stattfinden. Es geht darum, sich an die Seite der jüdischen Berliner zu stellen, mit ihnen zu gedenken und zu trauern. Kosten für Polizisten dürfen nicht zählen: Auch eine arme Stadt muss einer solchen Kundgebung Ruhe und Würde im öffentlichen Raum garantieren.