Auf den Wittenbergplatz!
von Nikolaus Bernau
Wer nach Israel fährt, hört immer wieder: Die Europäer lassen uns
alleine, die Situation ist wie 1933, als Juden Angst haben mussten, sich
öffentlich zu zeigen. Jetzt wurde aus Sicherheitsgründen die jährliche
Verlesung der Namen jener Berliner Juden, die unter den Augen ihrer
Nachbarn deportiert und ermordet wurden, vom Wittenbergplatz in den Vorhof
des Gemeindezentrums an der Fasanenstraße verlegt. Wenn das erst einmal
bekannt geworden ist, wird es schwierig zu sagen, mancher in Israel leide
an Verfolgungswahn.
Von Sonntag um 19.30 Uhr bis voraussichtlich Montag gegen 24.00 Uhr soll
der 55 696 ermordeten Berliner gedacht werden. Die Ängste der Jüdischen
Studentengemeinde vor den Nachtstunden sind ernst zu nehmen, vor zwei
Tagen wurde in Budapest ein Attentat auf das neue Holocaust-Museum
verhindert, und auch in Berlin nehmen antisemitische Schmierereien und
Drohungen zu. Doch gerade deswegen sollte die Lesung unbedingt auf dem
Wittenbergplatz stattfinden. Es geht darum, sich an die Seite der jüdischen
Berliner zu stellen, mit ihnen zu gedenken und zu trauern. Kosten für
Polizisten dürfen nicht zählen: Auch eine arme Stadt muss einer solchen
Kundgebung Ruhe und Würde im öffentlichen Raum garantieren.