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Jüdische Allgemeine WochenzeitungZaungäste am FriedenspalastWie jüdische Studenten vor dem Tor des UN-Gerichtshofs für Israel und die Sperranlage demonstrierten von Tobias KaufmannEs hat nicht geklingelt. Gott sei Dank. Immer, wenn Bilder eines neuen Terroranschlags in Israel im Fernsehen laufen, horcht Avi auf das Telefon, aus Angst, einen Freund oder Verwandten verloren zu haben. Ein Großteil seiner Familie lebt in Israel. Ein Cousin ist Busfahrer in Hadera, zwei andere wurden schon bei Anschlägen verletzt. Jedes Attentat kann eine Schreckensnachricht bringen. Auch heute morgen hat Avi den Fernseher sofort ausgemacht, als klar war, daß er niemanden kannte, der in dem Bus saß, in dem sich ein palästinensischer Selbstmordattentäter in die Luft gejagt und acht Menschen mit in den Tod gerissen hat. „Ich kann und will diese Bilder nicht mehr sehen“, sagt Avi. So wie ihm geht es auch den knapp fünfzig meist jüdischen Studenten, die an diesem kalten Februarabend in Berlin den Bus nach Den Haag besteigen. Dort, vor dem Internationalen Gerichtshof der Vereinten Nationen, soll geklärt werden, ob der Antiterrorzaun, den Israel im Westjordanland errichtet, gegen das Völkerrecht verstößt. Ein Gutachten soll es werden. Daß es keine Verhandlung darüber gibt, ob es mit dem Völkerrecht vereinbar ist, Linienbusse in die Luft zu jagen, nennt Avi schlicht eine „Frechheit“. Knapp dreihundert Mitglieder und Freunde des Bundesverbandes Jüdischer Studenten in Deutschland (BJSD) nehmen am Protest gegen die Anhörung in Den Haag teil, den die Weltunion Jüdischer Studenten (WUJS) organisiert hat. „Wir können uns nicht alles gefallen lassen“, sagt Avi. Er ist sechsundzwanzig, groß und kräftig. Die braunen Haare hat er zum Pferdeschwanz gebunden. Weil er als Mitorganisator der Reise weiß, daß Studenten zu den Niederlanden nicht nur der Internationale Gerichtshof einfällt, sagt er über das Bordmikrofon: „Wer meint, sich Haschisch besorgen zu müssen, und an der Grenze erwischt wird, der kann den Schlamassel alleine regeln. Ich haue da niemanden raus.“ Gelächter im Bus. Der Düsseldorfer spricht mit erkennbar rheinischen Akzent. Er hat Schauspiel gelernt und tritt in Berlin im Quatsch Comedy-Club auf. Zur Einstimmung auf die Demonstration zitiert er mit einem Grinsen ein Argument der Zaungegner: „Wir Berliner wissen ja, wie das mit Mauern ist ...“ Avi ist für den Zaun. „Niemand baut diese Mauer, die den Staat Milliarden kostet, nur aus Spaß. Ich sehe leider keine andere Möglichkeit derzeit.“ Uriel Kashi, Geschäftsführer
des BJSD sieht das anders. „Die Politik der Regierung führt zu nichts.
Die Oppositionspolitiker, die das ‘Genfer Abkommen’ ausgehandelt
haben, erreichen zwar auch nichts, versuchen es aber wenigstens.“ Avi
entgegnet: „Jede andere Regierung müßte wegen des Terrors genauso
handeln.“ Noch neun Stunden Fahrt.
Es riecht nach Kaffee aus der Thermoskanne. Ab und zu hört man eine
Kuckucksuhr. Sie spielt offenbar eine wichtige Rolle in der israelischen
Komödie aus den fünfziger Jahren, die über die Fernsehschirme flimmert.
In Schwarzweiß, mit russischen Untertiteln. Beim dritten „Kuckuck!“
grinsen auch die, die den Film nicht verstehen. Der Ton mischt sich mit
russischen, deutschen, hebräischen, englischen und französischen
Wortfetzen. Einige Studenten streiten in wechselnden Sprachen darüber,
was es bedeutet, jüdisch zu sein, wenn man nicht religiös ist. Andere
machen sich Gedanken über die Sicherheit in Den Haag, weil sie befürchten,
daß es zu Auseinandersetzungen mit demonstrierenden Palästinensern oder
Einheimischen kommen könnte. Avi gehört zu denen, die auf den
ausgebombten Bus gespannt sind, den der israelische Bergungs- und
Rettungsdienst vor das Gericht in Den Haag stellen will. „Vielleicht
wird einigen dann klar, was Terror konkret bedeutet. Bus fährt jeder“,
sagt Avi. „Für mich persönlich wird es aber nicht einfach sein, diesen
Bus zu sehen und zu wissen, daß darin eine Bombe explodiert ist, die
Menschen getötet hat.“ Von außen sieht der
Friedenspalast aus wie eine Kathedrale. Rote Steine, weißes Zierrat, ein
Dach mit schwarzen Ziegeln, aus dem spitze Türmchen in den Himmel piksen.
Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts wurde das Gebäude, in dem der
Internationale Gerichtshof sitzt, mit Spenden aus aller Herren Länder
erbaut. Den wuchtigen Eisenzaun drumherum hat Deutschland gestiftet. Die
Uhr im Hauptturm geht vier Minuten nach. Als sie neun schlägt, stehen
noch immer zwei Dutzend Journalisten vor dem Seiteneingang Schlange.
Selbst die Straßenbahn, die sonst direkt neben dem Friedenspalast hält,
ist umgeleitet worden. Der Taxifahrer kann sich nicht erinnern, wann in
Den Haag zuletzt soviel los war. Für die Dauer der Anhörung zu den
„rechtlichen Konsequenzen des Baus einer Mauer in den besetzten palästinensischen
Gebieten“ sind Demonstrationen von palästinensischen und jüdischen
Organisationen angemeldet. Mehr als dreihundert Redaktionen von Print, Hörfunk
und Fernsehen haben um Akkreditierung gebeten. Die Straßen vor dem
Friedenspalast sind von Übertragungswagen gesäumt. Neben dem Haupttor
ist eine Basis für die Kameras aufgebaut. Ein Zeltdach schützt die
Fernsehteams vor dem Nieselregen. Im Pressezentrum im Innern
des Gebäudes hängt eine Leinwand. Die Sitzung des Gerichts wird hierher
übertragen, außerdem läuft die Anhörung im Internet. In den Saal
selbst dürfen nur Prozeßbeteiligte. Das heißt an diesem Montag vor
allem: die palästinensische Delegation. Nasser Al-Kidwa, der ständige
Beobachter der Palästinenser bei den Vereinten Nationen, ist ein
erfahrener Diplomat. Seine Rhetorik ist wie sein Äußeres: glatt,
akkurat. Dazu ein leicht aggressiver Unterton. Al-Kidwa spielt mit
Begriffen wie „illegale Besetzung“, „Entrechtung und Entwürdigung“
oder „Kolonialisierungsmauer“. Er benutzt die Worte wie Brückenköpfe,
über die er ein Gerüst baut, aus Vorwürfen gegen Israel und der
Versicherung, den Palästinensern sei nur an Frieden gelegen. Israels Zaun
im Westjordanland sei kein Sicherheitszaun, sondern der Versuch, Grenzen
festzulegen, Land zu enteignen und palästinensische Enklaven zu schaffen,
die leichter kontrollierbar sind. „Wir sind hier, weil die UNO eine ständige
Verantwortung für die Rechte der Palästinenser trägt“, sagt Al-Kidwa.
Ohne die USA zu nennen, fährt er fort: „Der Sicherheitsrat hat versagt,
weil die ständigen Vetos eines einzigen ständigen Mitglieds ihn
handlungsunfähig gemacht haben.“ Zu den Richtern in ihren schwarzen
Talaren gewandt, sagt Al-Kidwa: „Das palästinensische Volk hofft auf
die Entscheidung dieses Gerichts. Und wir haben vollstes Vertrauen zu
Ihnen.“ Er weiß, daß die Beschlüsse der Richter Wirkung haben können,
obwohl sie nicht bindend sind.
Neben dem Bus haben sich
Frauen aufgestellt, die Fotos ihrer Kinder oder Ehemänner hoch halten,
die zu diesen mehr als vierhundertzwanzig Opfern gehören. Eine von ihnen
bekommt einen Nervenzusammenbruch. Sie schreit und weint in die Kameras.
Auch eine Gruppe christlicher Israelfreunde trifft auf dem Platz vor dem
Friedenspalast ein. Sie tragen gelbe Armbinden und Fotos von Terroropfern.
Das haben sie in letzter Minute vor Gericht erstritten – Den Haags Bürgermeister
hatte das Zeigen solcher Fotos ursprünglich verboten, weil er es für
eine Provokation hielt, gegenüber den Palästinensern, die auf der
anderen Seite des Platzes auf ihre Demonstration warten. Der
Schweigemarsch der Studenten dagegen wird kurzfristig untersagt. Aus
Sicherheitsgründen, wie es heißt. Drei Stunden lang stehen Uriel und die
anderen zusammen mit Studenten aus ganz Europa vor dem ausgebrannten Bus.
Amerikanische Jeschiwa-Studenten tanzen Hora. Mark und andere Studenten
aus Deutschland reihen sich ein. Irgendwann singt ein Teil der Menge die
israelische Nationalhymne. Es ist ein unübersichtliches
Demonstrationschaos, etwa fünfhundert Menschen, alles durcheinander. Avi steht, in eine
Israelfahne gehüllt, etwas verloren vor dem Möbelhaus auf der anderen
Straßenseite. „Als ich die Scherben gesehen habe, lief mir ein Schauer
über den Rücken. Es wird einem klar, daß hier keine Nummern ermordet
wurden, sondern Menschen. Aber die Leute glotzen, als hätten sie noch nie
einen Bus gesehen.“ Doch der Versuch, für ein paar Stunden ein
Gegengewicht zu setzen zu dem, was drinnen im Palast gesprochen wird,
funktioniert. Der Bus wird gefilmt und fotografiert. Fast jeder der
Studenten hat irgendwann ein Interview gegeben. Sogar ein paar arabische
Journalisten streifen durch die Menge. Ob das etwas ändern wird? Adrian
bezweifelt es. „Die Fronten sind doch klar“, sagt der Sechsunddreißigjährige.
Da weiß er noch nicht, daß die Zeitungen in Den Haag am nächsten Morgen
auf der ersten Seite nur ein Foto von der palästinenischen Demonstration
zeigen werden. In der ersten Reihe stehen drei antizionistische orthodoxe
Rabbiner. Auf ihrem Plakat steht: „Die Lösung: den Staat Israel
friedlich auflösen.“ Trotz seiner Skepsis hat Adrian das Gefühl, nicht umsonst nach Den Haag gekommen zu sein. „Wir haben viele holländische Juden getroffen, die sich über uns sehr gefreut haben. Eine Israelin, die in Amsterdam studiert, hat mich umarmt und gesagt: Danke, daß ihr hier seid.“ Die Turmuhr am Friedenspalast schlägt sechs Mal. Der Bus nach Berlin rollt vor das Tor. Neun Stunden Rückfahrt warten. Zu Zusammenstößen mit den in der ganzen Stadt präsenten Palästinensern ist es nicht gekommen. Im Innern des Palastes hat Bangladesch seine Stellungnahme beendet. Gerichtspräsident Jiuyong Shi, ein Chinese, schließt die Sitzung. Ob er heute irgendwann einmal an die Mauer gedacht hat, die China einst vor den Mongolen schützen sollte?
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