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Gästebuch
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Jüdische Leben in Bayern, April 2003"BJSD-Seminar in Kochel am See, 28.2.-2.3.03"Von Nurit SchallerDas Seminar lief unter dem Motto "Jüdischer Protest gegen den Antisemitismus in Nachkriegsdeutschland", aber das wirklich spannend war zu erfahren, wie die gesellschaftliche Lage sich in Deutschland nach 1945 gestaltete und wie die Alliierten darauf reagierten. Den örtlichen Rahmen bildete die Anlage der Georg-von-Vollmar-Akademie, malerisch auf einem Hügel samt Schloß und großartigem Ausblick gelegen, was durchaus einen gewissen Kontrast zum Inhalt des Seminars bildete, das im Übrigen in Kooperation zwischen BJSD und dem Nürnberger Institut für NS-Forschung und jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts, genauer Jim Tobias und Peter Zinke, entstanden ist und von Shila Khasani organisiert wurde, tatkräftig unterstützt von Georg Melamed. Die Shabbatg'ttesdienste wurden ermöglich durch Alter Goldstein und Shalom Marsel, die eigens aus Frankfurt eine Sefer Tora mitgebracht hatten und für ein Wochenende einmal Jeshiwa Jeshiwa sein ließen. Erst samstags ging das Programm erst richtig los mit einem Vortrag von Jim Tobias, Journalist, Dokumentarfilmer und Autor des Buches "Vorübergehende Heimat im Land der Täter", zum Thema "Die Situation der überlebenden Juden im Nachkriegsdeutschland". Ausgehend zunächst von den harten Fakten, dass 1945 nur noch 50.000 Juden in Deutschland lebten und dass es 1946 durch Zuzug osteuropäischer Juden 200.000 waren, die meisten schwer krank, unterernährt und geschwächt. Anfangs wurden alle, die durch den Krieg in irgendeiner Weise obdachlos geworden sind, einfach nach Nationalitäten in Camps untergebracht, teilweise aus Mangel an Möglichkeiten auch in ehemalige Konzentrationslager; mit dem Ergebnis, dass z.B. ein polnischer Jude mit einem polnischen Nazi sein Lager teilen musste. Erst nach einer Untersuchung, die durch die Amerikaner eingeleitet wurde, richteten die Alliierten eigens für Shoa-Überlebende sogenannte Displaced Persons Camps ein mit spezieller medizinischer Betreuung und erhöhter Lebensmittelrationierung. In den DP-Camps entwickelte sich reges kulturelles und religiöses Leben, aber auch zionistische Aktivitäten. Daneben gab es auch sogenannte Ausbildungskibbutzim, in denen handwerkliches und bäuerliches Know How gelernt wurde zu dem Zweck, bei der Staatsgründung Israels gleich richtig geschult zu sein, um das Land aufzubauen. Nach Shabbat kamen wir sogar in den Genuss, einen von Jim Tobias und Bernd Siegler für die Medienwerkstatt Franken gedrehten Dokumentarfilm über den "Kibbutz auf dem Streicherhof" zu sehen. Das Wunderbare an diesem Kibbutz ist vor allem, dass das Landgut zuvor dem Herausgeber des "Stürmers" Streicher gehörte, dann von den Alliierten enteignet wurde und Juden zur Errichtung eines Übungskibbutz überlassen wurde. Dieser Film beruhigte übrigens die erhitzten Gemüter, denn es war der letzte von drei Filmen, die Motzi Shabbat gezeigt wurden. Er folgte nämlich dem Propagandafilm "Germany, Awake!", der im September 1945 im Auftrag der US-Regierung fertiggestellt und in den POW - Camps in den USA gezeigt wurde. Genauer gesagt ist es ein Versuch der amerikanischen Regierung gewesen, eine Art Umerziehung von Nationalsozialisten, die in Kriegsgefangenschaft waren, zu erreichen. Aus überzeugten Antisemiten und Rassisten sollten demokratisch gesinnte Menschen gemacht werden, die in der Lage wären das zerstörte Deutschland nicht nur wieder aufzubauen, sondern auch in die Weltgemeinschaft zurückzuführen, wie es in dem Film hieß. Interessanterweise löste er bei den Teilnehmern des Seminars etwas ganz anderes aus: ausschließlich emotional geführte Debatten über die Frage, ob man als Jude in Deutschland leben soll oder noch viel schlimmer: kann, Differenzen zwischen Einwanderer und in Deutschland Geborenen brachen auf und die Befürchtung wurde ausgesprochen, dass es wieder zu einer Shoa kommen würde. Zugegebenermaßen sei hier erwähnt, dass die Bilder von Leichenbergen soeben befreiter Konzentrationslager, ausgemergelter und schwerst misshandelter Überlebender in einer Deutlichkeit, Häufigkeit und Dauer gezeigt wurden, dass viele sich nicht mehr darauf konzentrieren konnten, dass nicht junge Juden, auch nicht junge Deutsche das Zielpublikum dieses Films waren und er als Zeitdokument zur Diskussion stehen sollte. Er gehörte ja eigentlich zum Vortrag "Die Stunde Null?" von dem Historiker Peter Zinke, der Samstag nachmittags stattfand. Dabei ging es um die gesellschaftspolitische Lage im unmittelbaren Nachkriegsdeutschland, das sehr stark von Antisemitismus geprägt war. Entgegen dem Glauben, dass es nach 1945 eine "Stunde Null", also einen narbenlosen Neuanfang gegeben hat, stehen den Ergebnissen, die durch Umfragen der Amerikaner, wonach ein gemäßigter "Führer" die absolute Mehrheit erhalten hätte, und dem Bericht der US-Offiziers Saul Padovers, der 1945 die Deutschen befragte und zu den gleichen Erkenntnissen kam, gegenüber. Im Grunde ist es nicht weiter überraschend, dass Menschen, die zuvor antisemitisch waren und durch die Propagandamaschinerie des Dritten Reichs geprägt und gebildet wurden, nicht von heute auf morgen ihre Ansichten grundlegend ändern. Interessant war auch zu erfahren, dass die Shoa jahrelang ein sowohl gesellschaftliches als auch politisches Tabu blieb und tunlichst nicht angesprochen wurde. So erwähnte keine deutsche Partei, die bei den ersten Wahlen 1946 kandidierten, bei ihren Selbstdarstellungen zwecks Wählerfang die Vernichtung von Millionen Unschuldiger, auch das Wort "Jude" kam kein einziges Mal vor. Wählerstimmen hätte es wohl kaum gebracht.... Die jüdische Reaktion auf den Antisemitismus im Nachkriegsdeutschland wurde an Hand zweier Beispiele verdeutlicht: den Anfang machte Shila Khasani mit einem Vortrag über den Protest gegen den antisemitischen Leserbrief von Adolf Bleibtreu in der Süddeutschen Zeitung Sommer 1949, der letztendlich in einem Demonstrationszug in München mit über 2000 jüdischen Teilnehmern, der blutig endete, gipfelte. Das zweite Beispiel, dargestellt von Sascha Merberg, waren die Proteste gegen Filmaufführungen des Regisseurs Veit Harlan, der u.a. für die Nazis den Propagandafilm "Jud Süss" drehte. Auch in diesen Fällen schritt die Polizei brutalst ein und es kam zu blutigen Auseinandersetzungen. Zu heftigen Diskussionen führte die Frage, ob die Reaktionen von jüdischer Seite angemessen oder nicht etwa überzogen waren. Würden wir heute genauso reagieren? Denn schließlich waren die damaligen Aktivisten Shoa-Überlebende, die das Schlimmste durchgemacht hatten und gleich wieder mit Antisemitismus konfrontiert wurden. Wir, die auf dem Seminar anwesend waren, jedoch sind die zweite oder dritte Generation, zumeist aufgewachsen in sicheren Verhältnissen, ohne um Leib und Leben fürchten zu müssen. Können wir die Reaktionen überhaupt beurteilen? |