Gästebuch

   

Jüdische Leben in Bayern, April 2003

"Tabus brechen und sehen, was dann passiert"

Von Nurit Schaller

Und nicht nur das! Vorträge auf hohem Niveau und darauf folgende hitzige Debatten zeichneten die diesjährige Jewish Winter University, die von 16.-19. Jänner 2003 in Würzburg stattfand, aus. Ermöglicht wurde dieses Wochenende durch die Unterstützung des Zentralrats der Juden in Deutschland, der Lauder Foundation, der Jewish Agency for Israel, der WZO Hagshama und der jüdischen Gemeinde Würzburg, die Rahmenorganisation war auch dieses Mal der BJSD.

Uriel Kashi ist es gelungen ein höchst komplementäres Programm auf die Beine zu stellen, das wohl keinen der Teilnehmer unberührt ließ. Kein Thema war zu heiß, um nicht aufs Tableau gebraucht zu werden und die bis tief in die Nacht hinein geführten Diskussionen zeigten deutlich, wie breit gefächert das Verständnis von Judentum sein kann - und auch soll.

Im Endeffekt kreiste alles um die Wege und Möglichkeiten jüdischer Identität in einem Deutschland des Hier und Jetzt ohne Angst, Tabus zu brechen und das eigene Selbstverständnis zu hinterfragen. Den Anstoß gaben Themen, über die sich viele bis dato noch keine Gedanken gemacht haben, aber durchaus zur Erweiterung des eigenen Horizonts einen wichtigen Beitrag leisten.

Das Spektrum reichte von der Frage nach der möglichen Eigendefinition als Deutscher oder Jude über die jüdischer Identität Homosexueller bis hin zur fraglichen Glorifizierung der israelischen Armee. Aber auch Religion und Tradition kamen an diesem Wochenende nicht zu kurz.

Den Anfang machte Dr.phil. Hanno Loewy, Literaturwissenschaftler und Direktor des Fritz Bauer-Instituts in Frankfurt am Main, mit seinem Vortrag "Jüdische Identität in Deutschland nach 1945, Diaspora und Israel", in dem er u.a. die Frage nach möglichen Legitimationen der Existenz Israels aufwarf. Die Diskussion kreiste auch um die Frage nach Staatsbürgerschafts -und Einbürgerungsrecht moderner demokratischer Staaten, das wohl kaum auf Abstammung oder Religionszugehörigkeit beruhen dürfe. Diese Überlegung, aber auch Loewys Konstatierung, die deutsch-jüdische Symbiose sei an der Shoa gescheitert, wirft auch im Hinblick auf Neuformation bzw. Anwachsen vieler Gemeinden durch Zuwanderung und die in Europa einmalige Förderung jüdischen Lebens durch die öffentlich Hand folgende Fragen auf: wie definieren wir uns als Juden in Deutschland ? in welche Richtung werden sich die Gemeinden entwickeln ? welche jüdischen Identitäten können daraus entstehen ?

Anna Adam, Malerin, Bühnenbildnerin und Ausstellungsgestalterin, musste auf Grund der Kontroversen über ihre letzte Ausstellung ihren Workshop "Zur deutsch-jüdischen Krankheit- Feinkost Adam und die Folgen" außerhalb des jüdischen Gemeindezentrums halten. Sie spielt provokativ mit Klischees und geht mit Humor an das Thema "jüdische Identität" und an die Beziehung zwischen Deutschen und Juden heran. Augenmerk legt sie auch auf diejenigen Deutschen, die Unterschiede zwischen Juden und Deutschen zu negieren versuchen und sich selbst mit Juden identifizieren. Ganz bewusst bricht sie Tabus, um Bewusstsein zu schaffen für die Trennlinie zwischen diesen zwei Identitäten. Ihre Arbeit wurde mit gemischten Gefühlen aufgenommen: einerseits ist es richtig und notwenig, mit Tabus zu brechen, um die eigenen Vorurteile auf zu zeigen, fraglich ist jedoch, ob auch Nichtjuden Objekte wie die "Vogelsukka" in diesem Sinne begreifen können oder ob dadurch Vorurteile bekräftigt werden.

Ein ganz anderes Tabu wurde mit Rabbiner Bini Krauss heftig diskutiert: die Identität (ultra-) orthodoxer Homosexueller. Durch "Trembling before G-d" von Sandi Simcha Dubowski - ein mit sehr viel Feingefühl und mit sehr viel Liebe gedrehter Dokumentarfilm - wurde vielen Teilnehmern erst bewusst, dass diese Problematik überhaupt besteht. Debattiert wurde v.a. die Frage, ob Menschen mit homosexueller Neigung einfach als Sünder abzustempeln sind und: was genau ist halachisch eigentlich verboten? homosexuelle Neigungen und Beziehungen oder bloß gewisse sexuelle Praktiken? ist Homosexualität eine Sünde wie z.B. Chametz - Essen zu Pessach oder in der Natur des jeweiligen Menschen verankert? Ist es religiös zu rechtfertigen, Homosexuelle aus der jüdischen Gemeinschaft auszuschließen? Kann die sexuelle Neigung überhaupt ein Hindernis sein, als vollwertiger Jude zu leben und akzeptiert zu werden? Sollten wir nicht eher versuchen, so viele Menschen wie möglich in die Gemeinschaft einzubinden anstatt sie abzulehnen?

Der Shabbat war ganz und gar dem Thema Israel gewidmet und zwar in seiner gesamten Bandbreite. Henry Jakubowicz, Vertreter von Hagshama, versuchte auf seine ganz besondere Weise, uns religiösen Zionismus nahe zu bringen. Sein Vortrag "Israel -mehr als eine Alternative" beinhaltete v.a. die religiöse Begründung, warum ein Jude nach Israel auswandern sollte, neben einer kurzen Darstellung des Zionismus und der Einordnung des Existenzrechts von Arabern in Israel, wie sie von der Rav Kook Jeshiwa vertreten wird. Besonders letzteres stieß auf breite Skepsis, da Arabern als Nachfahren Abrahams demzufolge nur zugestanden wird, sich im Land aufzuhalten, aber nicht es zu besitzen. Eine Ansicht, die dem Friedensprozess wohl kaum förderlich sein wird.

Ein ganz entgegengesetztes Spektrum der israelischen Gesellschaft präsentierte uns Gabriel Wolff, Friedensaktivist aus Israel und Mitglied von u.a. "defense of the individual; HaMoked LeHagant HaPrat". Er legte zuerst seine Gründe dar, den Wehrdienst in Israel zu verweigern, die damit verbundenen Folgen und danach stellte er seine Sicht der israelischen Gesellschaft und der Armee dar, die alles andere als glorifizierend ist. Das führte beinahe zu einem Tumult. Die Diskussion danach war sehr hitzig, vor allem wohl deshalb, weil viele ihr Idealbild eines freien, absolut gerechten Israels nicht aufgeben konnten und die Tatsache einer Wehrdienstverweigerung für so manche offensichtlich an Blasphemie grenzte, auch wenn sie sich selbst nie einer Einberufung stellen mussten. Hier stellen sich die Fragen: Welchen Mythos verkörpern Israel und seine Armee für Juden in Deutschland? Wie stark definieren wir uns selbst dadurch?

Nach dem Mincha-Gebet führte uns Dr. Martin Kloke, Ethik-Redakteur in einem Berliner Schulbuchverlag, in ein nicht weniger brisantes Thema ein: Israel und der christliche Fundamentalismus in Deutschland. Dass es christlich-fundamentalistische Gruppen gibt, die in glühendem Eifer Israel mit politischem Engagement unterstützen, ist wohl jedem spätestens seit der letzten großen Pro-Israel-Demonstration, die im August 2002 in Berlin stattfand, bekannt. Die religiösen Hintergründe dafür wurden den Teilnehmern erst auf der Winter University bewusst: Israel, und zwar das biblische Territorium, und Juden haben einen entscheidenden Stellenwert in apokalyptischen Erwartungen dieser Fundamentlisten. Eretz Israel in den Grenzen des Großreich Davids muss wiederhergestellt werden und alle Juden zum Christentum übergetreten sein, damit Jesus wiederkehren kann und das Ende der Zeiten anbricht. Kein Stück Land darf an Palästinenser abgetreten werden und so wurde auch die Ermordung Rabins als Strafe G'ttes angesehen. Es gibt sowohl Gruppierungen, die die Mission meist mit höchst unmoralischen Mitteln in Israel und auch Deutschland fusionieren, als auch solche die Israel mit kräftigen Finanzspritzen unterstützen und im Gegenzug dort frei ihre Organisationen aufbauen. Wie geht man damit um? Kann Israel in seiner heutigen Lage es sich überhaupt leisten, wählerisch bei der Wahl seiner Unterstützer zu sein? Soll es solche Gelder ablehnen? Darüber stritten sich die Geister, nur bei einem Punkt waren sich alle einig: keine christliche Mission, egal mit welchen Mitteln!

Zwischendurch gabs einen Stadtrundgang durch das jüdische Würzburg, Shabbatg'ttesdienste, Kiddush und Samstag Abend auch noch einen kabbalistischen Tu BiShwat Seder. Man kann ja schließlich nicht nur dajgezzen und chomezzen! Auch wenn die Diskussionen in kleineren Gruppen meist bis weit in die Nacht hinein fortgesetzt wurden.

Am letzten Tag, kurz vor der Abreise schloss Prof. Dr. Michael Brenner, Professor für jüdische Geschichte an der Ludwig Maximilian Universität München, den Kreis mit einem Vortrag mit dem Motto "Antisemitismus und moderne jüdische Identität - Wie Klischees und Selbstbilder ineinander greifen". Ein höchst brisantes Thema! Wie bestimmt die nichtjüdische Umwelt unser Selbstbild? Sind wir als Juden ein Symbol, werden wir so gesehen und sehen wir uns selbst so? Werden uns gesellschaftliche und politische Rollen aufgezwängt? Inwieweit nehmen wir sie an und definieren uns dadurch? Ist unsere Identität durch Klischees von außen bestimmt? Und wenn wir diese ablegen, was bleibt von unserer Jüdischkeit?

Was bleibt? Viele offene Fragen, viele ungestellte, Antworten, die noch auf ihre Findung warten, die Erinnerung an ein unvergleichliches Wochenende und die Vorfreude auf die nächste Jewish Winter University!