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Artikel vom 29.01.2003"Mit Tradition gegen Tabus"Würzburg: BJSD-Winter University diskutierte Stereotypevon Michal Olmer für die Jüdische Allgemeine Wochenzeitung"Zwei Juden, drei Meinungen", lautet ein jüdischer Spruch. Die jüdische Tradition des Diskutierens hielt das Judentum über Jahrhunderte hinweg am Leben. Wie sieht es heute aus, wenn zweiundsechzig jüdische Studentinnen und Studenten in Deutschland aufeinandertreffen, um über das Thema "Was ist Judentum?" zu diskutieren? Dank der Unterstützung der Sponsoren wie dem Zentralrat der Juden in Deutschland, der World Zionist Organization "Hagshamah", der Lauder Foundation, der Israelitischen Gemeinde Würzburg sowie der Jewish Agency konnte nun zum zweiten Mal die "Jewish Winter University" (JWU) vom 16. bis 19. Januar in Würzburg, ein Seminar des Bundesverbands Jüdischer Studenten in Deutschland (BJSD), stattfinden. Als Referenten sprachen unter anderen der Literaturwissenschaftler Hanno Loewy aus Frankfurt am Main, Henry Jacubowic als Vertreter von Hagshama, die Ausstellungsgestalterin Anna Adam aus Berlin, der Friedensaktivist Gabriel Wolff aus Israel, der Ethik-Redakteur Martin Kloke aus Berlin sowie Michael Brenner, Professor für Jüdische Geschichte an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Die Teilnehmer kamen mit hohen Erwartungen, zumal sich der inhaltliche Anspruch des Seminars bereits in jüdischen Studentenkreisen herumgesprochen hatte. Emma aus Hannover wurde die JWU von einer jüdischen Kommilitonin empfohlen. Noch nie zuvor hatte die in Lettland geborene Studentin der Wirtschaftswissen-schaften an einem jüdischen Seminar teilgenommen, obwohl sie bereits seit fünf Jahren in Deutschland lebt. Neben anregenden Diskussionen erhoffte sie sich, viele junge Juden kennenzulernen und, wenn die Zeit bliebe, die Würzburger Residenz besichtigen zu können. Arthur aus Würzburg hatte das Seminarangebot zuvor schon auf der Homepage des BJSD entdeckt, er fühlte sich von der Themenvielfalt angezogen. Linda aus Mannheim war schon bei anderen Veranstaltungen dabei, zuletzt bei "Jung und Jüdisch" in Köln. Sie kannte die Winter University bereits vom Jahr zuvor und war nun gespannt, ob das hohe Niveau gehalten würde. Vom "Bedürfnis der Studenten, ein intellektuell anspruchsvolles Programm geboten zu bekommen", war Uriel Kashi, Vorsitzender der Politikgruppe des BJSD fest überzeugt und lud entsprechende Referenten ein. So folgte er wiederholt seinem innovativen Konzept: Eine Reihe an schwerwiegenden, jedoch häufig ignorierten und bewußt provokativen Fragen werden in die Diskussionsrunde geworfen, so daß "so kontrovers wie nur möglich diskutiert werden kann". Keine Selbstverständlichkeit in der heutigen innerjüdischen Auseinandersetzung, so gibt er zu bedenken. Denn diese leide unter dem Dilemma, daß wir "trotz der säkularen Gesellschaft, in der wir leben, dennoch die Welt aus einer christlich geprägten Perspektive erfahren". Antisemitismus und Antizionismus seien selbstverständlich auch heute wichtige Themen, jüdische Identität bedeute allerdings mehr als sich gegen die Anfeindungen von außen zu richten. Darauf machte auch Michael Brenner in seinem Vortrag "Antisemitismus und moderne jüdische Identität - Wie Klischees und Selbstbilder ineinander greifen", aufmerksam. Wie in Brenners Vortrag, der das Programm der JWU abschloß, so wurden über das gesamte Seminar hinweg Klischees zur Sprache gebracht und enthüllt. Viele der Teilnehmer wurden mit Themen konfrontiert, über die sie vorher noch nie nachgedacht hatten, die sie aber dennoch schon lange bewegten. "Tabus brechen und warten, was dann passiert", so lautete Uriel Kashis Motto. Die Methode bewehrte sich, denn sie brachte Diskussionen zustande, die offen legten, wie pluralistisch und lebendig heute jüdisches Leben in Deutschland sein kann. Denn keines der Themen erschien in Würzburg als nicht diskussionswürdig. So zum Beispiel auch Anna Adams Workshop "Zur Deutsch-Jüdischen Krankheit - Feinkost Adam und die Folgen". Ihre Fürther Ausstellung "Feinkost Adam" im Jüdischen Museum Franken im Frühjahr 2002 hatte zu heftigen Auseinandersetzungen geführt, die in dem Vorwurf gipfelten, ihre Exponate würden mit antisemitischen Klischees spielen. Ein Beispiel: Die "Vogelsukka", "Das verstehen keine nichtjüdischen Leute", gab Victor aus Braunschweig zu bedenken. "Damit wird Antisemitismus unterstützt." Emma aus Hannover widersprach: "Ich glaube, nur durch das gegenseitige Kennenlernen von Stereotypen kann Toleranz erhöht werden." Auch für Gabriel Wolff sei es "ein Muß, neue Meinungen zu bilden, die jenseits von Klischees angesiedelt sind". Er berichtete den Teilnehmern, wie es ihm als politischen Wehrdienstverweigerer in Israel erging, der schließlich in einem Gefängnis landete. Als Gabriel anfing, sich kritisch über die israelische Gesellschaft zu äußern, die Armee als "Schule Israels" bezeichnete, die das Verhalten im Alltag beeinflusse, drohte sein Vortrag vorzeitig in ein Streitgespräch überzugehen. "Wir leben in einer demokratischen Gesellschaft ohne Zensur", beschwichtigte Uriel Kashi, der die Diskussion moderierte und die protestierenden Teilnehmer aufforderte, den Referent aussprechen zu lassen. Weitere Themen waren Hanno Loewys Vortrag "Jüdische Identität in Deutschland nach 1945, Diaspora und Israel", in dem der Literaturwissenschaftler das Rückkehrrecht der in der Diaspora lebenden Juden nach Israel in Frage stellte. Mit Rabbiner Bini Kraus wurde über "Halacha und Homosexualität" anhand der Filmdokumentation Trembling before God (Zittern im Angesicht Gottes) von Sandi Simcha DuBowski diskutiert. Auch Martin Klokes Thema "Israel und der christliche Fundamentalismus in Deutschland" sorgte für eine spannende Debatte. Die Meinungsvielfalt war charakteristisch für das ganze Seminar. "Manche Themen", so Arthur, "sind mir schon etwas zu links gerichtet, wie das von Hanno Loewy. Aber ich finde es schön, daß es hier so viele verschiedene Meinungen gibt." Dies denkt auch Henry Jacubowic, der mit Hagshama einen der Sponsoren auf dem Seminar vertrat und über "Israel - Mehr als eine Alternative" referierte. "Ich bin beeindruckt vom Interesse der Teilnehmer. Ich glaube, hier sind viele intellektuelle Leute." Die Themenvielfalt sei ihm fast zu groß, jedoch biete eine solche Winter University gleichzeitig die Chance, "Themen anzusprechen, die sonst nirgendwo angesprochen werden", in diesem Sinne sei es eine wertvolle Ergänzung zum Studium. Auch Gabriel Wolff sieht in der JWU eine Vervollständigung akademischer Bedürfnisse jüdischer Studenten. Als Juden würden sich viele der Teilnehmer oft in die Enge getrieben fühlen, daher würden Seminare "mit einer solchen Fülle an Meinungen helfen, die eigene Identität zu entwickeln und fortzubilden". So sahen es auch die Studenten. "Es wurden Themen angesprochen, über die ich vorher noch nie nachgedacht habe, da ich keine Anregungen dazu bekam", gestand Linda aus Mannheim. Arthur konnte viele neue Kontakte knüpfen, außerdem habe er hier erstmals Gelegenheit, "mit anderen jüdischen Studenten über Dinge zu diskutierten, die mich beschäftigen". Die Intensität des Seminars trug zudem dazu bei, säkulare Barrieren verschwinden zu lassen. "Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, daß es keinen Unterschied zwischen deutschen und russischen Juden gibt", stellte Emma überrascht fest. "Die Themen betrafen uns alle, waren sehr kontrovers und ließen viele Meinungen neu überdenken." Und die Würzburger Residenz? Vielleicht ein anderes Mal. Und was ist Judentum? Auch diese Frage reichen auch für eine dritte Winter University, dann aber sobald nicht in Würzburg, denn das gemütliche ehemalige Altersheim als Tagungsstätte wird dem jüdischen Zentrum Schalom Europa Platz machen. Wer nicht so lange warten möchte, kann jetzt im Forum der BJSD-Homepage weiter diskutieren unter: www.bjsd.de von Michael Olmer , 29. Januar 2003 |