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Jüdische AllgemeineJung, jüdisch, politisch aktivUriel Kashi kämpft gegen Antisemitismus und IsraelfeindlichkeitDie antisemitische Front von radikal bis liberal hat sich formiert - doch Widerspruch junger deutscher Juden hört man kaum. Das wollte Uriel Kashi, Mitglied des Bundesverbandes Jüdischer Studenten in Deutschland (BJSD), nicht länger hinnehmen und wurde selbst aktiv. "Wer, wenn nicht wir", meint der Sechsundzwanzigjährige, "kann Partei für Israel ergreifen und immer wieder sagen, das nicht ist, was in Nahost zu sein scheint." Zusammen mit Viktoria Dolburd, Shila Khasani und vielen anderen aus dem BJSD ist Uriel Kashi seit dem 11. September 2001 verstärkt in den Medien präsent und auf Berliner Straßen unterwegs: Er berichtet über das Alltagsleben in Israel, spricht auf pro-israelischen Demonstrationen, nennt auf Flugblättern die jüdischen Opfer der Selbstmordattentäter, klärt über die Geschichte des Nahostkonfliktes auf und diskutiert im Internet über israelische Militäreinsätze. "Mit dem neu gegründeten 'Forum für Israel' wollen wir die Öffentlichkeitsarbeit zugunsten Israels verstärken", erklärt der BJSD-Aktivist. "Über eMail- und Telefonlisten können wir die Hilfe unserer Mitstreiter schnell und effektiv einsetzen." "Netzwerke unter jüdischen Jugendlichen - die Basis für derartige Unterstützungsaktionen - sind in Deutschland noch nicht selbstverständlich", weiß Uriel Kashi aus eigener Erfahrung. "In England, Frankreich, Kanada und Amerika gibt es eine weit verzweigte jüdische Infrastruktur. In Deutschland reichen die Kontakte oft nicht über den Familienkreis hinaus, und leider fehlt es auch an der jüdischen Identität." Entspannt sitzt er im Innenhof des Jüdischen Museums und läßt den Phantasien freien Lauf. Er denkt an ein pluralistisches jüdisches Leben als festen Bestandteil der Gesellschaft, an jüdische Verbände in den Universitäten, koscheres Essen in der Mensa oder Studentenwohnheime, in denen liberale und orthodoxe Jugendliche gemeinsam wohnen. Er selbst lebt als praktizierender Jude in einer nichtjüdischen Hausgemeinschaft, sein Herz schlägt für Israel, und das schließt die Kritik an der israelischen Politik mit ein. Mit Gleichgesinnten demonstriert er für eine Zweistaatenlösung in Nahost und macht als Museumsführer sowohl jüdische als auch nichtjüdische Schüler mit dem Zionismus und den Schätzen des jüdischen Mittelalters bekannt. Er ist fasziniert von der Idee, daß Juden ganz unterschiedlicher Prägung in Deutschland selbstbewußt leben und sich basisdemokratisch organisieren, nicht aber hinter den Zäunen der Gemeindegebäude verharren. In Jaffa geboren und in Stuttgart aufgewachsen, lockte den Abiturienten 1995 vor allem die Neugier nach Israel. Im Kibbuz Harduf arbeitete Uriel Kashi eineinhalb Jahre mit Kindern aus sozial zerrütteten Familien, wechselte dann nach England und kehrte anschließend nach Israel zurück. Dann standen seine Studienfächer fest: Judaistik und Erziehungswissenschaften. Denn für die Kinder- und Jugenderziehung in Deutschland wünscht er sich all das, was in Israel normal ist: die Integration der jüdischen Werte und mehrtausendjährigen Geschichte. "In Deutschland speist sich jüdische Identität oft nur aus Antisemitismus, Holocaust und Zionismus", bedauert Uriel Kashi. "Das ist zu wenig, da muß sich noch viel ändern." Zum Studieren kam er 1998 nach Berlin. "Ich habe nicht nur jüdische Geschichte, Philosophie, Religion, Kultur und Sprache kennengelernt", erinnert sich der Martin-Buber-Fan begeistert an die ersten Studienjahre, "sondern kam auch mit Christentum, Islam, Moderne und Postmoderne in Berührung." Doch die Idylle im Berliner Villenvorort Dahlem trügt, denn seit dem 11. September 2001 nimmt auch auf dem Campus der Antisemitismus wieder zu. Argumentatorisch haben sich Uriel Kashi und seine Mitstreiter gegen die Vergleiche zwischen Israel und Nazi-Deutschland sowie das Vorurteil von der jüdischen Weltverschwörung gerüstet, vor allem während der Jewish Winter University in Würzburg und auf dem Hasbara-Kongreß in Frankfurt. Dort diskutierten sie mit Vertretern aus Politik und Wissenschaft über Religion und Terror, Zionismus, Judentum und Islam sowie die Nahost-Berichterstattung. "Wir brauchen viel mehr solcher Treffen, doch der Zentralrat der Juden in Deutschland tut sich schwer, uns finanziell angemessen zu unterstützen", kritisiert Uriel Kashi. Doch der Student mit deutsch-jüdischer Mutter und israelischem Vater sieht neben der antisemitischen zunehmend auch eine andere Gefahr - sogenannte messianische Juden. Sie machen sich für ihre Ziele vor allem die soziale und kulturelle Unsicherheit der russischsprachigen Einwanderer zunutze und organisieren vermeintliche Solidaritätskundgebungen für Israel. "Der BJSD warnt vor diesen Gruppen, weil sie zum Beispiel gegen Muslime hetzen und das Existenzrecht von Juden verneinen, sofern sie nicht an Jesus glauben." Kongreßtermine, Politgruppe, Pro-Israel-PR, Anti-Judenmission-Kampagne, Studentenjob im Jüdischen Museum - daß bei diesem Pensum bisweilen etwas auf der Strecke bleibt, ist nicht verwunderlich. "Ich sollte eigentlich meine Magisterarbeit schreiben", räumt der zwischen zwei Gedanken ein, "aber zur Zeit bereite ich das fünfunddreißigjährige Bestehen des BJSD vor, und auch mein Praktikum im Anne-Frank-Zentrum." Findet er dann doch noch Zeit, macht er sich auf ins Kino - zum Jewish Film Festival. von Anke Ziemer , 06. November 2002 |