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Aufbau 5.9.2002Die Angst, als Alibi-Jude missbraucht zu werdenJüdische Studenten in Deutschland über ihr politisches EngagementVon Katharina Goos und Karin KailsWieso sollen sich junge Juden für Deutschland engagieren? Nur wenige jüdische Studenten sind aktive Mitglieder in politischen Parteien. Skepsis herrscht vor und die Befürchtung, der deutschen Politik bloß als Vorzeigejuden zu dienen. Aufbau hat sich mit politisch aktiven jüdischen Studenten unterhalten. Die Jungwähler sind eine stark umworbene Zielgruppe. Zur ihr gehören auch Miriam Budwig, Uriel Kashi, Shila Khasani, Rüdiger Mahlo und Johanna Vollhardt. Alle fünf sind sie Studenten, jüdisch und in jüdischen Studentenorganisationen aktiv. Unterscheidet sich ihr politisches Engagement von dem nicht-jüdischer Studenten und Jungwähler? Rüdiger Mahlo ist einer der wenigen, die in einer Partei aktiv sind. Anfangs habe ich gezögert. In der Politik muss man hohe Ideale haben, um nicht nach dem ersten Motivationsloch aufzugeben. Doch aufgrund der Geschichte hätte es problematisch sein können, solche Ideale zu finden und sich für ein Volk zu engagieren, dass das eigene auslöschen wollte. Trotzdem trat er vor etwa sechs Jahren etwa zeitgleich in den Bund Jüdischer Studenten und in die CDU ein. Die CDU wählte er, weil er sich, geprägt durch seine Familie, deren konservativen Werten am nächsten fühlt. Sein wichtigstes Argument aber fasst er in einem Brecht-Zitat zusammen: Wer gegen die Politik ist, ist für die Politik, die mit ihm gemacht wird. Daraus folgt für ihn die Motivation, lieber selbst Politik zu machen, als lediglich Gegenstand derselben zu sein. Daher arbeitet Mahlo, der vor einigen Monaten das erste juristische Staatsexamen abgelegt hat, heute für einen Bundestagsabgeordneten. Politisch aktiv ist auch Uriel Kashi, aber auf eine andere Weise. Der 26-jährige Berliner Student, der unter anderem Mitglied der Politikgruppe im Bundesverband Jüdischer Studenten in Deutschland ist, engagiert sich beispielsweise bei Demonstrationen, Unterschriftensammlungen und Seminaren. Als Angehöriger einer Minderheit sei man insbesondere für Fragen, die Minoritäten betreffen, sensibel, sagt er. So gebe es beispielsweise bei Immigrationsfragen eine gewisse Solidarität. Trotz seiner Präferenzen würde Uriel Kashi nicht in eine Partei eintreten, schon allein deswegen, weil er mit keiner vollständig zufrieden sei. Außerdem sei in diesem Zusammenhang auch seine jüdische Identität von Bedeutung: Nach den Erfahrungen, die Juden wie Ignatz Bubis oder Michel Friedmann gemacht haben, hätte ich Angst, als Alibi- oder Vorzeige-Jude instrumentalisiert zu werden, sagt Uriel Kashi. Häufig sei das ein verkappter Versuch der Vergangenheitsbewältigung und Gewissensberuhigung. Oft ist es aber auch ein Versuch, dem Ausland zu zeigen, wie tolerant und weltoffen Deutschland ist. So war das beispielsweise nach den Anschlägen auf jüdische Einrichtungen und Ausländerwohnheime Anfang der 90er. Damals schlug man Bubis als Bundespräsidenten vor, um so das Image der Deutschen im Ausland retten. Das hat Bubis klugerweise abgelehnt, sagt Kashi. Wie die anderen vier Studenten definiert er seine Identität stärker über die jüdische denn über die deutsche Komponente. Damit begründet die 26-jährige Shila Khasani auch, warum sie nicht in eine Partei eintreten möchte. Ich fühle mich als Jüdin in Deutschland schon als Teil der Gesellschaft, und doch stehe ich manchmal ein bisschen außerhalb. Das macht es mir mitunter so schwer, mich für Dinge einzusetzen, die deutsch sind, sagt Shila Khasani, die gerade in Heidelberg ihr Studium der Jüdischen Studien und der Soziologie abgeschlossen hat. Ihre Abschlussarbeit schrieb sie über eine linksoppositionelle jüdische Studentengruppe in Frankfurt. In eine rechte oder konservative Partei würde sie grundsätzlich nicht eintreten wollen. Gleichzeitig geht sie davon aus, dass die wenigsten jungen Juden sich dem linken politischen Spektrum zurechnen würden, da viele eher eine konservative Haltung hätten. Ebenso wie Johanna Vollhardt, Psychologie-Studentin aus Köln, hat Shila Khasani außerdem beobachtet, dass in ihrem Bekanntenkreis jüdische Freunde seltener in Parteien aktiv seien als nicht-jüdische. Dafür engagierten sich die jüdischen Freunde stärker, wenn es um Dinge gehe, die sie direkter beträfen, wie etwa Israel oder Antisemitismus. So ist Johanna Vollhardt selbst beispielsweise in Menschenrechtsgruppen und anderen Organisationen engagiert, in eine Partei würde sie aber nicht eintreten, weil die Strukturen dort nicht konstruktiv sind. Bei Miriam Budwigs hat ihre Zurückhaltung gegenüber den Parteien wenig mit ihrer jüdischen Identität zu tun. Ihre Bedenken sind eher genereller Art: Mir fällt es schon bei Wahlen schwer genug, eine Partei auszuwählen. Damit scheint die 22-jährige Linguistik- und Publizistik-Studentin aus Berlin eine typische Wählerin ihrer Generation zu sein, die mit den traditionellen oft als überaltert und verkrustet kritisierten Strukturen von Parteien und Organisationen wenig anfangen kann. Doch eine durchschnittliche Jungwählerin ist Miriam Budwig damit noch nicht. Immerhin überlegt sie manchmal, ob sie Deutschland nicht lieber verlassen soll, weil es hier nicht immer einfach sei, ihre Religion zu leben. Nach ihrem Austauschjahr in Israel hatte sie überlegt, gleich dort zu bleiben. Mit Israel fühlen sich alle fünf Studenten stark verbunden wahrscheinlich sogar stärker als mit Deutschland. Ich wäre nicht zur Bundeswehr gegangen. Aber für die israelische Armee hätte ich mich engagiert, aus Pflichtgefühl und weil ich mich damit besser identifizieren kann. Darin hätte ich eine Notwendigkeit sehen können, sagt Rüdiger Mahlo: Meine jüdische Identität würde ich immer voranstellen. |