Gästebuch

   

Die Tagespost, 6. Juli 2002

Jüdisches Erbe in Europa – Quo Vadis?

Gespalten in der Suche nach kultureller Identität – Eine Tagung über Religion und Moderne

Von Tobias Raschke

Was gehört zum jüdischen Erbe in Europa? Wer trägt und fördert es? Wie kann man 40 Jahre nach der Shoah über das verlorene Erbe sprechen, ohne die Perspektive Opfer-Täter auszuschließen? Worin besteht das Verdienst der jüdischen Tradition? Diese und ähnliche Fragen beschäftigten Teilnehmer und Referenten der Tagung „Das Jüdische Erbe Europas – Zur Krise der Kultur im Spannungsfeld von Religion und Moderne“, die sich kürzlich in Berlin trafen. Die Tagung hat die Friedrich-Ebert-Stiftung in Zusammenarbeit mit der Hermann-Cohen-Akademie veranstaltet.

Wieder Orientierung an der rabbinischen Tradition

„Die Zerstörung ist immer präsent“ sagte die Rabbinerin Professor Eveline Goodman-Thau (Wien/Jerusalem) in ihrer Eröffnungsrede. Die Shoah ist allgegenwärtig, so auch im Tagungsraum, der Frauenempore der Synagoge an der Oranienburger Straße in Berlin-Mitte (heute Centrum Judaicum). Durch die Glasfenster sieht man über die Dächer Berlins und merkt sofort, dass etwas fehlt: die Steine im Gras hinter der Synagoge symbolisieren die Grundmauern des zerstörten Gotteshauses. Über diese Zerstörungen, die Massenvernichtung – den immerwährenden Bruch – täuscht auch die weithin sichtbare goldene Kuppel nicht hinweg. Es geht ihr insbesondere darum, den geistigen intellektuellen Verlust durch die Shoah bewusst zu machen. Auschwitz hat dem jüdischen Volk seine Endlichkeit gezeigt und symbolisiert gleichzeitig das Geheimnis des Überlebens des Volkes Israel.

Juden in ganz Europa leben heute in Trauer und in Sorge. Obwohl das ewige Volk wieder im Besitz eines Staates ist, kommt es nicht zur Ruhe: Die Sicherheit und Unversehrtheit ist nicht garantiert im Hinblick auf die Anschläge in Europa und die Selbstmordattentate im Heiligen Land. Das Nachsinnen über die Zukunft ist daher von Trauer gekennzeichnet. Wieder geht es um das Überleben – wie schon in Ägypten, im Sinai, in der Diaspora, während der Shoah und von der Staatsgründung bis zum Terror heute.

Dem Judentum in der Spannung von Vision und Realität widmete sich Professor Micha Brumlik aus Frankfurt am Main, der die unterschiedlichen Fragen und Schwierigkeiten zu zeigen versuchte, mit denen Juden in Europa konfrontiert werden. Mit der Gründung Israels und dem sich daraus entwickelnden nationalstaatlichen Bewusstsein sei das post-zionistische Zeitalter angebrochen, behauptete er. Der Zionismus existiere nur noch als Hülle gegenüber dem jüdischen Kern und dem Nationalstaat, wobei sich dieser in den letzten 35 Jahren so weit von seinen Ursprungsideen entfernt habe.

Das europäische Judentum befindet sich in einer tiefen Spaltung, die quer durch die Gemeinden verläuft, zwischen den Liberalen und Orthodoxen, den Neueinwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion, deren jüdische Definition ganz von den Alteingesessenen abweicht. Darauf müssen die Gemeinden Antworten finden.

Brumlik sieht als Richtung für das jüdische Volk in Israel und der Diaspora die allmähliche Abkehr von der territorialen Definition hin zur kulturellen Befindlichkeit und einer Definition über die hebräische Sprache und Schrift. So könnte sich das Volk auch wieder der Thora der rabbinischen Traditionen und Weisungen zuwenden – auch wenn natürlich die Sehnsucht der jüdischen Diaspora in Gebeten nach Orten wie Jerusalem oder Wasserquellen in der Wüste Negev immer bestehen werden. Die hebräische Sprache und Kultur wurde wiederbelebt, obwohl kaum jemand Eliezer Ben-Yehuda (1858–1922), der aus Litauen stammte, eine Chance gab. Als er 1881 nach Palästina (noch unter Osmanischer Herrschaft) einwanderte, begann er in seiner Familie nur noch Hebräisch zu sprechen und entwickelte das erste Iwrith-Wörterbuch, was ihn schließlich zum Begründer des Neuhebräischen in die Analen der Geschichte eingehen ließ – und nach dem wohl in jeder Stadt Israels eine Straße benannt ist.

Junge Juden fühlen sich politisch verunsichert

Haben junge Juden in Europa insbesondere in Deutschland noch eine Zukunft? Wie stellt sich die junge Generation auf die zunehmende antisemitische Gesellschaft ein? Die Einbeziehung der Jugend scheint der Hermann-Cohen-Akademie speziell am Herzen zu liegen, und so diskutierten Vertreter der Europäischen Union für jüdische Studenten (EUJS) unter anderem mit dem Leiter des Potsdamer Moses Mendelssohn Zentrums Julius Schoeps.

Der in Brüssel lebende Vorsitzende des 200000 Mitglieder zählenden EUJS, Julian Voloj, machte vier Tendenzen innerhalb der jüdischen Studentenschaft angesichts der durch die antisemitische Bedrohung ausgelösten Verunsicherungen aus: Diese führe entweder zu einer Distanzierung bis zur Negierung (1) des eigenen Jüdischseins, zu einer rein religiös geprägten Identität (2) oder zur Identifizierung mit Israel (3) bis hin zur Immigration (Aliya) nach Israel (4), um sich nicht nur verbunden zu fühlen, sondern Teil der israelischen Identität zu werden. Er verwies auch auf die engen Bindungen der jüdischen Jugend zu Israel allein aufgrund des sprachlichen Bezugs. Das Hebräische Wort für Heimat „moledet“ hängt nämlich mit „nolad“ (geboren werden) und „yaldut“ (Jugend) zusammen.

Den Dialog führen ohne Opferrolle

Diese Tendenzen deckten sich auch mit den Aussagen der Vorsitzenden des Bundesverbandes der Jüdischen Studenten in Deutschland (BJSD), Viktoria Dolburd. Die Studentin stellte die drei Säulen des mittlerweile 35 Jahre existierenden Verbandes vor: Ziele sind die jüdische Identität zu finden und zu stärken, ein soziales und kulturelles jüdisches Leben zu fördern und die Identifikation mit Israel. Sie hob hervor, dass man nicht die Opferrolle einnehmen dürfe, sondern bewusst den Dialog suchen müsse, um Vorurteile gegenüber Juden und Israel abzubauen.

„Wohin sollen wir gehen“, fragte Professor Schoeps und erzählte von einer der vielen Diskussionen über die andauernde Identitätskrise des europäischen Judentums, dass man dieses Gespräch in den Cafehäusern von Paris, Lissabon und New York weiterzuführen gedenke. Die Kontroversen um Walser–Bubis, Walser–Reich-Ranicki oder Blüm, Möllemann–Friedmann hätten gezeigt, dass der Glaube an eine Katharsis in Deutschland falsch war. Dieser wahlkampftaktisch wohlkalkulierte Tabubruch habe dazu geführt, dass Juden- und Israelfeindliche Töne jetzt nicht mehr vom Rande, sondern aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Neben den etwa fünfzehn Prozent unbekehrbaren Antisemiten in fast jedem Land der Erde, gibt es noch etwa 30 Prozent latente Antisemiten. Diese werden in diesem Wahlkampf speziell von Möllemann angesprochen. Schoeps wunderte sich, wie diese Schwierigkeiten heruntergespielt und – trotz der wissenschaftlich fundierten Beweislage – von den Politikern in Abrede gestellt wird. Seiner Ansicht nach ist dies ein gesellschaftliches Phänomen, bei dem eine Auseinandersetzung unter den Deutschen erforderlich ist.

Die Studentin Dolburd argumentierte mit dem jüdischen Religionsphilosophen Hillel „wenn nicht wir – wer dann, wenn nicht jetzt – wann dann“ und so lässt sich auch ihr Engagement besser verstehen, für Israel und den Dialog mit den „katholischen, evangelischen, atheistischen Mitbürgern“, um Vorurteile abzubauen und aufzuklären.

Bleibt nur die Frage, wie es weitergehen wird in dieser spannenden Diskussion um das jüdische Erbe Europas – die es schon immer gegeben hat und wohl auch immer geben wird. Die Direktorin der Hermann-Cohen-Akademie, Professor Goodman-Thau, machte am Ende deutlich, dass diese Tagung gewissermaßen als Auftakt für ein Forum gedacht sei, um in kleinem oder größerem Rahmen weiter über diese Fragen nachzudenken.