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tagesschau.de, 18. Juni 2002Fremde Heimat: Jüdische Erfahrungen nach MöllemannVon Robin Lautenbach50.000 Berliner Juden haben die Nationalsozialisten umgebracht, die meisten wurden von hier deportiert, vom Güterbahnhof Berlin-Grunewald. Auch Isaak Behars Eltern und Geschwister mussten diesen Weg gehen. Er, der durch einen Zufall überlebte, hat sich zeitlebens für das deutsch-jüdische Zusammenleben in Berlin engagiert. Wie erlebte er die Möllemann-Geschichte ? Isaak Behar: "Ich hätte nie gedacht, dass diese Diskussion, diese Antisemitismusdiskussion zu meinen Lebzeiten noch einmal aufbrechen würde. Denn, ich weiß nicht, Herr Lautenbach, können Sie sich hineinfinden in einen Menschen, der das alles schon einmal erlebt hat? Ich rede nicht von jüngeren Juden, die hier ihre Heimat jetzt suchen, gesucht haben und hier leben, sondern die Älteren, die das alles schon einmal erlebt haben. Daran hat keiner gedacht. Man hätte dies alles verhindern können." Die Jungen, aufgewachsen im jüdischen Glauben in Deutschland, z.B. sie vom Jüdischen Studentenverband, sie haben auch jetzt keine Angst, aber sie fühlen sich irgendwie fremder, plötzlich müssen sie sich rechtfertigen, wegen Möllemann. Hannah M.: "Ich habe das Gefühl, da ist eine richtige Lawine ins Rollen gekommen, also dass jede Diskussion über ihn, ob er bleiben soll oder gehen soll, dass das doch total überflüssig geworden ist, weil er hat so was angestoßen, dass alle Menschen jetzt von links und rechts und von vorne auf mich zukommen und immer sagen: ja, aber ich finde es richtig, man soll Israel kritisieren können. Oder: was ihr da macht in Israel, das ist nicht in Ordnung. Oder so: Möllemann macht das schon richtig und letztendlich können wir mal alle unsere Klappe aufmachen und Müll abladen." Sophie Mahlo: "Ich fühle mich eigentlich weiterhin noch sicher hier. Was superanstrengend ist: andauernd erklären zu müssen. Letztens war ich auf einem Geburtstag, habe ein halbes Jahr lang das Geburtstagskind nicht wiedergesehen, und das erste, was kam, war: Ja sag mal, wie siehst du denn das? Ich sollte doch erst mal den Möllemann in Ruhe lassen, der Arme, das reicht doch jetzt langsam, er hat sich doch jetzt entschuldigt. Und dann auch gar nicht die Nuance, also es ist ihm dann ganz egal, dass er sich gerade beim Friedman nicht entschuldigt hat." Auf gepackten Koffern sitzen sie nicht, auch von einem Möllemann wollen sie sich nicht erschrecken lassen, aber sie sind sensibler geworden für das, was im Land geschieht. Rüdiger Mahlo: "Glücklicherweise bin ich nicht so labil dass wenn einer irgendwas sagt, was für mich antisemitisch ist, dass ich dann gar nicht mehr weiß, wie ich reagieren soll, und dann schnellstens das Land verlassen möchte. Das ist überhaupt nicht der Fall, weil ich auch denke, dass der Großteil der deutschen Bevölkerung eben überhaupt nicht so denkt wie er. Ich denke, dass so Leute wie er, Leute, die seine Meinung vertreten, das sind vielleicht 20 Prozent." Ariel Abaew: "Die Demonstration vor dem FDP-Gebäude, die von der Jüdischen Gemeinde und dem Zentralrat der Juden und von anderen Organisationen initiiert wurde, die war hauptsächlich von Juden besucht. Das ist für mich schon ein trauriges Zeichen, dass in diesem Land scheinbar die Juden selber dafür sorgen müssen, dass es keinen Antisemitismus gibt." Jüdische Filmwoche in Berlin, das ist längst normal, die jüdische Kultur hat wieder ihren festen Platz. Und doch: Der Besucher aus den USA sieht das Besondere. Daniel Hammer: "In Amerika ist es so, dass Juden sich ganz einfach amerikanisch nennen können, das ist kein Problem. Es gibt nichts am Judensein, das man anders macht als andere Amerikaner, die irgendeine andere Herkunft haben. Weil alle Amerikaner von irgendwo anders her kommen. In Deutschland gibt es schon einen Unterschied zwischen Juden und Nicht-Juden, auch wenn man deutsch ist oder deutsche Herkunft hat, ist man immer noch nicht Mitglied des zentralen Teils der Gesellschaft." Sorgsam beschützt auf dem Kürfürstendamm, die jüdischen Studenten werben für Israel. Ein Land, sagen sie, in dem man sein Jüdischsein nicht dauernd erklären muss und eben auch eine letzte Zuflucht. Sie treten ein für das Land, nicht für die Regierung. Daniel Neubauer: "Es geht nicht darum, dass wir heute den Botschafter von Ariel Scharon spielen, es geht heute darum, in erster Linie zu versuchen, den Leuten ein Zeichen zu vermitteln, dass Israel eigentlich Frieden will." Die Angst, dass sich alles noch einmal wiederholen könnte, sitzt tief bei den Älteren. Isaak Behars jüngerer Sohn Benjamin sieht das Positive: Möllemann sei in die Schranken verwiesen worden. Eine Konsequenz allerdings zieht er. Benjamin Behar: "Ich war FDP-Wähler und bin sicher kein FDP-Wähler mehr nach dieser Geschichte." Die Behars wurden 1942 deportiert, wo sie umkamen, weiß Isaak Behar nicht. Deshalb ist diese Bahnsteigkante für ihn so wichtig. |