Gästebuch

   

Die Süddeutsche Zeitung, 15. April 2002

Shalom und Sharon

Palästinenser und ein Solidaritätsbündnis für Israel demonstrierten am Wochenende in Berlin es blieb weitgehend friedlich

 Von Tobias Matern und Hans-Hermann Kotte

Kein schönes Bild. Ein kleines Mädchen auf der Schulter des Vaters, ausstaffiert als Selbstmordattentäterin. Sie trägt ein Stirnband mit arabischen Schriftzeichen, und um die Hüfte gebunden hat man ihr drei angedeutete Dynamitstangen Sprengstoff-Attrappen. Ein Foto von der Demonstration der Palästinenser in Berlin. Die Bild am Sonntag hat es gebracht und Unfassbar! darüber geschrieben. So wird aus einer traurigen Angelegenheit eine Sensation. Dieser Mann scheine bereit, seine Tochter zu opfern, steht da. Gefragt hat die BamS den Vater nicht.

Von Volksverhetzung ist gleich die Rede in dem Boulevardblatt, nicht von Verzweiflung oder wirren Aktionen.

Die aussichtslose Lage im Nahen Osten bringt beide Seiten des Konfliktes auch in Berlin auf die Straße. Solidarität mit Palästina hieß es am Samstag, als rund 11000 Menschen gegen Israels Militäraktionen in den besetzten palästinensischen Gebieten demonstrierten. Sie zogen vom Alexanderplatz zum Potsdamer Platz, forderten Freiheit für Palästina, Schluss mit deutschen Waffenexporten für Israel oder Stoppt Sharon und Bush.

Solidarität mit Israel zeigten am Sonntag am Hackeschen Markt etwa 2000 Demonstranten. Sie warnten davor, dass Kritik an Israel keine Legitimation für neuen Antisemitismus in Deutschland sein dürfe. Das Bündnis gegen Antisemitismus und Antizionismus aus meist linken Gruppen, darunter auch der Bundesverband Jüdischer Studenten, wandte sich gegen den anti-israelischen Konsens. Auf den Transparenten war zu lesen Hamas sprengt den Frieden, Schluss mit der Verharmlosung des palästinensischen Terrors oder Warum brennen in Frankreich Synagogen?

Zu der Palästinenser-Demo, bei der auch zahlreiche deutsche Sympathisanten dabei waren, hatte ein Solidaritätsbündnis aus etwa 40 Gruppen aufgerufen. Auf dem Protestmarsch gab es ein paar verbale Entgleisungen, einige Rangeleien mit der Polizei und auch vereinzelte Steinwürfe. Doch es blieb weitgehend friedlich. Die in Deutschland lebenden Palästinenser betonten in einem Appell, dass es hierzulande nicht zu Stellvertreter- Auseinandersetzungen kommen dürfe. Angriffe gegen jüdische Einrichtungen, wie etwa in Frankreich, wurden verurteilt.

Nicht nur das kleine Vorzeige-Mädchen ist an diesem diesigen Nachmittag bei der Demo des Solidaritätsbündnisses mit Palästina dabei. Man sieht auch einen Jungen, etwa drei Jahre alt. Er trägt einen tarnfarbenen Militäranzug, sein Vater hat ihn Huckepack genommen. Die Offizierskappe ist ihm zu groß, in seiner Hand hält er eine Papierfahne die palästinensische Nationalflagge. Er schaut verschüchtert. Musik dröhnt aus Lautsprechern, Sprechchöre hallen über den Alex. Scharon ist ein Mörder und Rassist, brüllt die Menge und Stoppt Scharon, stoppt den Krieg, Intifada bis zum Sieg. Der Junge ist an diesem Nachmittag ein gefragtes Bildmotiv. Seinen Vater, der sich als Samir Doner vorstellt, stört das nicht wirklich. Die Journalisten, die schrieben sowieso was sie wollen, ohne richtig nachzufragen, meistens gegen die Palästinenser. Und hält er es nicht für verfehlt, seinen Sohn als Soldat in Kinderschuhen zu zeigen? So ist das doch gar nicht gemeint. Den Anzug habe ich eben bei einem Straßenhändler gekauft, gefällt dem Kind, ist doch nichts dabei. Krieg ist immer scheiße, mit dem Anzug, das hat keine Aussage.

Kleine Kinder sieht man auf der Israel-Demo am Hackeschen Markt eher weniger, dafür bibeltreue Christen, die sich unter die Leute mischen und nebenbei für ihre Partei werben. Sie werden toleriert. Die Menschen zeigen ruhig, ohne Sprechchöre, ihre Solidarität. Es ist unser aller Land, deswegen sind wir hier, sagt der Student Shimon Mosessohn, 27. Trotz aller Differenzen, die es gibt in der Debatte. Und die Kauffrau Annie Karolinski, 46, meint: Es geht nicht mehr, dass die Juden immer noch ihre Existenz rechtferigen müssen.

Die Demonstration der Palästinenser richtet sich auch gegen alle, die sich vermeintlich auf Israels Seite geschlagen haben. Bush, Blair, Schröder, Terroristen und Faschisten, skandiert die Menge. Die Polizei spricht anschließend von einem hohen Emotionalisierungrad. Der wird schnell deutlich. Die Politik der Juden in Israel ist schlimmer als die der Nazis jemals gewesen ist, sagt ein Mann, der seinen Namen lieber nicht nennen will.

Zu regelrechten Gewaltausbrüchen wie vorab befürchtet  kommt es bei der Palästinenser-Demo nicht. Wir hatten uns auf mehr eingestellt, sagt ein Polizeisprecher. Rangeleien gibt es vor dem Berliner Dom auf der Liebknecht- Brücke. In Sichtweite, aber getrennt durch die Spree, demonstriert auf der Friedrich-Brücke das Bündnis Solidarität mit Israel eine kleine Schar von 200 Menschen. Ihre Kundgebung wird abgebrochen. Die Britische Botschaft in der Wilhelmstraße wird mit Steinen und Farbbeuteln beworfen, palästinensische Ordner und die Polizei bilden einen Schutzring. Nach kurzer Zeit beruhigt sich die Situation. Es gab keine Ausschreitungen, sagt ein Polizeisprecher am Potsdamer Platz, dem Endpunkt der Veranstaltung.

Friedlich bleibt es auch am Hackeschen Markt. Unruhe entsteht nur da, wo zwei Frauen aus Bayern ihr Schild Shalom statt Sharon hoch halten. Das hatten sie schon bei der Palästinenser-Demo gezeigt. Einige Pro-Israel-Demonstranten versuchen, das Schild mit ihren weiss-blauen Fahnen abzudecken. Gerangel gibt es nicht, die Frauen bleiben lieber am Rand stehen mit ihrem Schild.

Am Samstag demonstrierten in Berlin rund 11000 Menschen gegen die israelischen Militäraktionen, am Sonntag etwa 2000 für Solidarität mit Israel und gegen Antisemitismus. Auf palästinensischer Seite (links) gab es mehr Vorzeige-Kinder zu sehen auch in Uniform und mit Sprengstoff- Attrappen.