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Die
Süddeutsche
Zeitung, 12. April 2002 Anschläge auf den Straßen, Kritik an Israel in den Medien: Die Jüdische Gemeinde sieht sich einem neuen Antisemitismus gegenüber Von Steffi Kammerer Es war nur der Einleitungssatz, den Alexander Brenner, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, ruhig aussprach: Dass man zusammengekommen sei, um der Opfer des Warschauer Ghettoaufstands vor 59 Jahren zu gedenken. Dann begann seine Stimme zu vibrieren. Am Vorabend habe es wieder einen Zwischenfall gegeben, rief er. Da hatte, während die Namen der 55696 ermordeten Berliner Juden auf dem Wittenbergplatz verlesen wurden, ein Mann gefordert: Lest doch mal ein paar Palästinensernamen vor. Das stehe in direktem Zusammenhang mit dem Sprengstoffanschlag auf den jüdischen Friedhof in Charlottenburg und den Überfall auf zwei orthodoxe Juden auf dem Kurfürstendamm, mahnte Brenner. Es zeigt wie fließend die Grenze zwischen Antisemitismus und Antizionismus sind und wie gefährlich die Kommentare in einem Teil der deutschen Medien. Er appelliere noch einmal an die Presse, ausgewogen über Nahost zu berichten. Der Nahe Osten so nah Später raucht er eine Zigarette nach der andern, gibt schnell der Witwe von Heinz Galinsky die Hand und dem alten Jerzy Kanal, dann poltert er: Da kommt die ganze Jauche raus. Alles was aufgestaut war. Er verlange von deutschen Journalisten Fingerspitzengefühl. Vergleiche mit den Untaten der Nazis sind die Trennlinie. Israel sei die einzige Demokratie im Nahen Osten. Und ich habe noch nirgendwo eine so kritische Presse gesehen wie in Israel. All das werde nicht geschrieben. Nur was ins Bild passt. Für Israel- kritische Juden, die sich in deutschen Medien äußern, findet er nur ein Wort: Ekel erregend. Die würden dafür herhalten, was Journalisten hierzulande sich nicht selbst zu sagen trauten. Aber wir haben eine bestimmte Krankheit und das ist der jüdische Objektivismus. Dass ein paar von diesen Leuten morgen bei der pro-palästinensischen Kundgebung mitlaufen wollen dazu schüttelt er nur den Kopf. Der Nahe Osten ist in Berlin angekommen. Solidarität mit Palästina dazu erwartet die Palästinensische Gemeinde bis zu 10000 Teilnehmer aus dem ganzen Bundesgebiet. Vielleicht wird wieder Horst Mahler von der NPD mitlaufen, vielleicht werden wieder israelische Flaggen mit Hakenkreuzen drauf herumgetragen und verbrannt, so wie auf dem Ostermarsch vor zwei Wochen. Da trugen Berliner Transparente auf denen stand: Israel ist ein terroristischer Staat, die Menge skandierte: Kindermörder Israel. Auch die andere Seite demonstriert. Einen Tag später, am Sonntag, versammelt man sich in Mitte zur Solidarität mit Israel. Gegen Antisemitismus und Antizionismus. Zu den Unterstützern gehören: die Amadeo-Antonio-Stiftung, Antifa-Referate verschiedener Universitäten, das Berliner Büro des American Jewish Committee, die deutsch-israelische Gesellschaft, die Jüdische Gemeinde und der Bundesverband Jüdischer Studenten in Deutschland. Im Aufruf zur Demonstration heißt es, die
Stimmung in Deutschland verschiebe sich zu einem anti-israelischen
Konsens. Der Konflikt in Nahost werde dazu benutzt, die Entsorgung der
deutschen Vergangenheit voranzutreiben: Indem bestialische Verbrechen
ausgerechnet in der Politik des jüdischen Staates ausgemacht werden,
erleichtert sich hierzulande bei vielen Deutschen das schlechte Gewissen,
heißt es. Aber auch der jüdische Kulturverein erhält vermehrt Post mit antisemitischem Inhalt. Es gab wieder Hakenkreuz-Schmierereien an einem jüdischen Mahnmal. Am Wochenende wurden Schüler in Berlin-Mitte von Jugendlichen vermutlich arabischer Herkunft antisemitisch angepöbelt. Einige von ihnen hätten die Kipa getragen und seien deshalb als Juden zu erkennen gewesen, sagt die Schulleiterin. Aus Sorge hat sie die Teilnahme an einem internationalen Kinderfest in Berlin kurzfristig abgesagt. Dort wollte sich die Jüdische Oberschule vorstellen und für die Schule werben doch jetzt sagt die Direktorin: Das Risiko ist mir zu groß. Die brennenden Synagogen in Frankreich und die Briefbombe an den Bielefelder Gemeindevorsitzenden haben bei Berliner Juden tiefen Eindruck hinterlassen. Wolfgang Benz, Professor für Antisemitismusforschung an der TU Berlin sagte vor wenigen Tagen: Antisemitismus als zur Schau getragene Attitüde müsse man in Deutschland nicht befürchten. Aber sekundären Antisemitismus der sich gegen die Entschädigung von Holocaust-Opfern wende, gegen den Staat Israel, gegen das Erinnern, weil doch so viel Zeit vergangen sei, solche Ressentiments und Sehnsüchte, denen Judenfeindschaft als Vehikel dient, sind allerdings verbreitet. Die Folgen der Walser-Bubis-Debatte seien indirekt spürbar als Beginn einer Desensibilisierung. Vieles spreche dafür, dass dieser Ersatz-Antisemitismus, der Israel sagt, aber die Juden meint, als Ventil dient. Die Schändung der Friedhöfe spreche für das Aggressionspotenzial in der Gesellschaft. Zwar werde öffentliche Judenfeindlichkeit nach wie vor geächtet, aber die insgeheime Verständigung über Ressentiments gegen die jüdische Minderheit hat zugenommen. Diese Form von verdecktem Antisemitismus sei nicht messbar aber spürbar für diejenigen, gegen die er sich wendet. Kritiker sind nicht willkommen Harry Grünberg bestreitet dieses Phänomen nicht im Gegenteil. Der PDS-Politiker, der die israelische und die deutsche Staatsbürgerschaft hat, sagt vielmehr, man müsse Scharon auch kritisieren, um anti- jüdischen Ressentiments vorzubeugen. Gerade die undifferenzierte Solidarität mit Israel öffnet Kanäle für Antisemitismus, sagt er. Er lasse sich nicht fehlende Solidarität vorwerfen Scharon habe einen Pfad eingeschlagen, der die Zerstörung Israels bedeuten kann. Aber Kritiker seien innerhalb der Berliner Gemeinde nicht willkommen. So wenig wie in Frankreich, wo jüdische Intellektuelle, die gegen Scharon demonstrierten, von Jugendlichen Likud-Anhängern zusammengeschlagen worden seien. Da ist ein Klima des Terrors gegen Abweichler in Israel und das kommt auch zu uns. Als er am Mittwochabend versuchte, über seine Position mit Mordechai Levy zu diskutieren, verdrehten beide Männer abwechselnd die Augen. Levy sagte: Es geht um einen Zivilisationskrieg. Grünberg antwortete: Terror wächst, wo Armut und Verzweiflung ist. Die Israelis besitzen alles, die Palästinenser nichts.
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