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Die Welt 3.4.2002Juden sterben, und alle schweigenIntellektuelle schauen weg, die Regierung stützt Arafat: Ist das die deutsche Solidarität mit Israel? - DebatteVon Viktoria DolburdDie eindringlichen Reden, die jedes Jahr am 27. Januar, dem Tag der Befreiung der Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz, in allen großen deutschen Städten gehalten werden, wiederholen alle dieselbe Lehre aus der Geschichte: Nie wieder! Die Befreiung vom antisemitischen Übel, der Kampf gegen Rassismus und die Pflege "besonderer Beziehungen" zum Staat Israel sind ein fester Bestandteil des deutschen kollektiven Bewusstseins, wie es in diesen Reden und anderorts zum Ausdruck kommt. Entspricht dies aber wirklich der Realität? Als jemand, der die Reaktionen der deutschen Öffentlichkeit auf die blutigen Auseinandersetzungen, mit denen Israel in den letzten 16 Monaten konfrontiert ist, mit Sorge verfolgt, hege ich starke Zweifel, ob die Antwort auf diese Frage positiv ausfallen kann. Wenn das jüdische Volk ein normales Volk ist, so besitzt es wie jedes andere Volk das Recht auf Selbstbestimmung und auf ein Leben in Freiheit. (Und das in seinem historischen Land.) Dieses Recht wurde durch den Zionismus, die Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes, verwirklicht, welche den Staat Israel errichtet hat. Wer den Zionismus ablehnt, spricht den Juden das Recht ab, ein in ihrer urjüdischen Heimat selbstständiges Leben zu führen. Wer dies tut, betrachtet das jüdische Volk nicht als ein rechtmäßiges und gleichwertiges Mitglied der Völkerfamilie. Zahlreiche arabische und islamische Regime rufen offen zur Vernichtung des einzigen jüdischen Staates auf und bezeichnen diesen als "Krebsgeschwür, Parasiten und Blutsauger". Deutschland unterhält freundschaftliche Beziehungen mit den meisten dieser Regime und Staaten, die von offizieller Seite in den Medien solche Worte verlautbaren lassen und nichts dagegen unternehmen. Die Bürger Israels sind in den letzten Monaten einer noch nie gekannten Welle täglicher Terrorangriffe ausgesetzt, die durch palästinensische Selbstmordattentäter verübt werden. Keine Zivilbevölkerung in der demokratischen Welt ist mit einer derartigen Gefahr in diesen Ausmaßen konfrontiert worden. Auf den Straßen Israels herrscht furchtbare Angst: Die Menschen verlassen ihr Haus, um einzukaufen, und wissen nicht, ob sie lebend zurückkommen. Trotz alledem habe ich keine Aufrufe der deutschen Öffentlichkeit gehört, die lautstark "Setzt dem Töten von Juden ein Ende" gefordert hätten. Ich habe keine öffentlichen Kundgebungen und Proteste führender deutscher Vertreter des öffentlichen Lebens gesehen, in denen es heißt: Das Leben der Juden in Israel ist uns, der dritten Generation von Deutschen nach dem Holocaust, teuer. Manchmal scheint es mir, dass die Startbahn eines Flughafens, der mit europäischen Geldern gebaut wurde und Arafat zum Terror dient, vielen Deutschen wichtiger ist als das Leben von Menschen. Kaum einer in Deutschland kümmert sich um diese verbrecherische Politik, die nicht nur Kinder der anderen, "feindlichen" Seite in die Luft sprengt, sondern auch die eigenen Kinder in einen Teufelskreis von Gewalt und Provokation schickt. Deutschland verhandelt mit Regimen, die Terror unterstützen, antidemokratisch sind und deren erklärtes Ziel die Vernichtung der Juden und des jüdischen Staates ist. Dieses Ziel wird durch wahnsinnigen Fanatismus und verblendeten Hass begründet. Es geht weder um Freiheit für ein Volk noch um einen eigenen Staat. Es geht darum, wie es öffentlich im palästinensischen Fernsehen verkündet werden kann, die Juden zu töten. Eine freie Demokratie wie Deutschland kann und darf solche Regime nicht unterstützen, nicht anerkennen, sondern muss ein klares Zeichen setzen und sich ihnen entgegenstellen. Die arabische und islamische Welt wird in diesen Tagen von einer noch nie gekannten Welle des Hasses gegenüber Juden und Israel erfasst. Überall ertönen Furcht erregende Stimmen des Antisemitismus, der bei der letzten großen UNO-Konferenz von Durban wieder einmal deutlich wurde. Die judenfeindlichen Karikaturen in der arabischen Presse erregen Abscheu und erinnern an nicht weit zurückliegende Tage. Trotz alledem habe ich keine Aufrufe deutscher Intellektuellen gehört, die "Schluss mit der Todespropaganda, Israel ist unser Verbündeter und muss leben!" fordern. Die deutschen Nahost-Experten wissen nur zu gut, dass die palästinensische Führung nicht nur für einen eigenen Staat kämpft. Wenn dem wirklich so wäre, hätte sie vor eineinhalb Jahren, in den Verhandlungen mit Barak in Camp David, einen unabhängigen Staat auf 98 Prozent des Westjordanlands und des Gazastreifens erhalten und so mehr als 1000 Menschenleben retten können. Trotz alldem genießt die Arafat-Behörde bei vielen deutschen Intellektuellen eine fragwürdige Bewunderung. Israel ist der einzige Staat in der Welt, dessen Existenz von den meisten, wenn nicht von allen seinen Nachbarn angezweifelt wird und dessen Name nicht auf den Landkarten dieser Nachbarn erscheint. In den letzten 16 Monaten kämpft Israel mehr denn je zuvor um sein Lebensrecht. Der größte Teil der deutschen Öffentlichkeit betrachtet diesen Kampf jedoch mit Skepsis, Zynismus und Gleichgültigkeit. Als eine bewusste Jüdin, die in Deutschland lebt, bin ich sehr enttäuscht. Wir benötigen wahre Solidarität mit dem Staat der Juden und nicht alljährlich abgegebene feierliche Erklärungen und Kranzniederlegungen. Die Autorin ist Vorsitzende des Bundesverbandes Jüdischer Studenten in Deutschland e. V., Berlin |