Vom 3.-6.01.2002 fand in den Räumlichkeiten der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg die 1. Jewish Winter University des Bund jüdischer Studenten in Deutschland (BJSD) statt. Zu der Veranstaltung reisten 60 junge Juden zwischen 18 und 35 aus der ganzen Bundesrepublik an.
Die Organisatoren Uriel Kashi und Shila Khasani hatten es sich zum Ziel gesetzt, die undogmatische intellektuelle Auseinandersetzung mit aktuellen Themen der Gegenwart, seien es Fragen zur deutsch-jüdischen Geschichte, philosophische oder theologische Überlegungen oder auch der Blick auf die gegenwärtige innen- und außenpolitische Situation in Israel, zu ermöglichen. Sie wollten die jüdische Diskussionskultur, die das Judentum ausmache und durch die Naziherrschaft unterbrochen wurde, wieder aufleben zu lassen.
In diesem Sinne hielt Prof. Almut Bruckstein, Professorin für Philosophie an der Hebräischen Universität Jerusalem, den Eröffnungsvortrag mit dem Thema "Renaissance und Revisionismus. Von Jerusalem nach Berlin", in dem sie die Geschichte der jüdischen Diskussionskultur und ihrer Funktion in der heutigen Zeit thematisierte.
Am selben Abend hatten die TeilnehmerInnen die Gelegenheit, den Journalisten Peter Zinke und Jim Tobias, die aus ihrem Buch "Nakam - Jüdische Rache an NS-Tätern" vorlasen und dies mit einem kurzen Film dokumentierten, kritische Fragen zum Motiv ihrer Dokumentation und weiteren Hintergrundinformationen zu stellen.
Am nächsten Tag lieferte Dr. Baum, Leiter des ebenfalls in den Gemeinderäumen untergebrachten Dokumentationszentrums für jüdische Geschichte, Informationen zur Geschichte der Juden in Würzburg.
Daraufhin gab es die Möglichkeit, an einer Stadtführung durch das jüdische Würzburg teilzunehmen, oder dem Vortrag "Jewish Disneyland - zur Vermarktung des Jüdischen" von Iris Weiß, Journalistin aus Berlin, zu lauschen.
Nach dem Mittagessen mussten sich die TeilnehmerInnen des Seminars erneut zwischen zwei angebotenen Veranstaltungen entscheiden: Sowohl Iris Weiß als auch Prof. Krochmalnik, der an der Universität Heidelberg sowie der Hochschule für Jüdische Studien jüdische Philosophie und Geistesgeschichte lehrt, boten Workshops zur Parashat HaShavua, Shemot, an.
Während Prof. Krochmalnik seinen Workshop unter das Motto "Der Exodus und Wir" stellte, widmete Iris Weiß ihre Zeit der Darstellung verschiedener Kommentare und Positionen der Parasha, die vom feministischen über den reformerischen zum orthodoxen Ansatz reichen.
Nach dem gemeinsam begangenen Kabbalat Shabbat hielt der eigens für die Jewish Winter University angereiste Professor für deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv, Moshe Zuckermann, einen Vortrag über die unterschiedliche Perzeption und Umgang mit der Shoah in Israel und Deutschland. Am Nachmittag des Shabbat setzten sich Zuckermann und seine Zuhörer mit der aktuellen politischen Lage in Israel sowie dem Phänomen der "neuen Historiker" in Israel auseinander, die sich für eine neue, von Mythen befreite, israelische Geschichtsschreibung einsetzen.
Nach erhitzen politischen Debatten hatten die TeilnehmerInnen die Gelegenheit, mit Prof. Krochmalnik über "Religion und Terror" zu debattieren und ihr theologisches Wissen aufzufrischen bzw. zu erweitern. Der Samstagabend schließlich wurde mit dem israelischen Film "Happy Birthday, Mr. Mograbi" und anschließender Diskussion begangen.
Den Abschluss der diskussionsträchtigen Veranstaltung des BJSD bildete eine Podiumsdiskussion mit Rabbiner Krauss von der Lauder Foundation und Iris Weiss am Sonntag Mittag. Die Organisatoren ließen die beiden als Vertreter von modern-orthodoxem und reformiertem Judentum unter dem Motto "Heilig, Revolutionär, Modern" über die Zukunftsaussichten des Judentums disputieren.
Die Veranstalter konnten zufrieden sein: ihre Wünsche und Vorstellungen sind in Erfüllung gegangen. Die TeilnehmerInnen beteiligten sich aktiv an den verschiedenen Diskussionen, die durch die Vorträge entstanden, und nutzten selbst die "Verschnaufpausen" zwischen den einzelnen Veranstaltungen, um die unterschiedlichen vorgetragenen Positionen miteinander zu erörtern. Auch waren die Räumlichkeiten der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg äußerst vorteilhaft, da die TeilnehmerInnen in dem ehemals als Altersheim genutzten Gebäude der Gemeinde nächtigen konnten.
So wundert es auch nicht, dass bei der Abreise aus Würzburg der Ruf nach einer Fortsetzung der Jewish Winter University laut wurde.
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