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Artikel vom 16.01.2002
"Heilig, revolutionär oder modern?"

von Michal Olmer für die Jüdische Allgemeine Wochenzeitung


Heilig, revolutionär oder modern?

Würzburger Winter-Universität: Studenten diskutierten über ihr Judentum und die Lage in Israel "Was ist Judentum?" Dieser Frage gingen Hochschuldozenten deutscher und israelischer Universitäten, Journalisten und dreiundsechzig jüdische Studenten vom 3. bis 6. Januar auf der "Jewish Winter University" in Würzburg nach.

Als Referenten hatte der Bundesverband jüdischer Studenten (BJSD): Almut Bruckstein, Professorin für jüdische Philosophie an der Hebräischen Universität Jerusalem, die Journalistin und Bildungsreferentin Iris Weiss aus Berlin, Daniel Krochmalnik, Professor für jüdische Philosophie an der Universität Heidelberg und Moshe Zuckermann, Soziologe und Historiker an der Uni Tel Aviv eingeladen. Ihre Themen von "Renaissance und Revisionismus" mit Almut Bruckstein bis "Jewish Disneyland - oder zur Vermarktung des Jüdischen" mit Iris Weiss sorgten neben israelischen Filmen, einem Stadtrundgang durch das jüdische Würzburg und einem Besuch des Dokumentationszentrums jüdischer Geschichte, für reichlich Diskussionsstoff unter Teilnehmern wie Referenten.

Um "Diskussion" war es Uriel Kashi, Vorsitzender der Politikgruppe des jüdischen Studentenverbandes, und Shila Khasani, Studentin für Jüdische Studien in Heidelberg und Vorsitzende des Landesverbands Jüdischer Studenten in Baden bei der Vorbereitung besonders gegangen. Schon bei den ersten Planungen vor einem dreiviertel Jahr waren sie sich einig, daß ihr Projekt an einen alten Schatz jüdischen Geisteslebens anknüpfen sollte, wie Uriel Kashi betonte, "an die Tradition des Widerspruchs und der Diskussion, wie es sie im Vorkriegsdeutschland gab, als der Austausch mit Intellektuellen sehr verbreitet war." So beantwortet Kashi die Frage ?Was ist Judentum?? auch folgerichtig "Judentum ist Diskussionskultur."

Die "Jewish Winter University" stieß bei den jüdischen Studenten im Alter von achtzehn bis fünfunddreißig Jahren auf breites Interesse. "Wir hatten eine Warteliste und konnten leider nicht alle mitfahren lassen", berichtet Uriel Kashi. Drei Teilnehmer kamen sogar aus den Niederlanden beziehungsweise der Schweiz.

Die Hauptfinanzierung hatte der Zentralrat der Juden in Deutschland übernommen. Ebenso trugen die World Zionist Organization, Hagshama und die Jewish Agency einen Teil der Kosten, auch wenn es dazu einiger "Bettelbriefe" bedurfte.

Nachfrage und Zuspruch zeigten den Veranstaltern, daß sie "zu mehr in der Lage sind, als zum Partyfeiern", wie es die im Mai 2001 gewählte neue Vorsitzende Victoria Dolburd formulierte. "Wir wollen dem Zentralrat zeigen, daß wir fähig sind, schöne Arbeit zu machen." In Zukunft wolle der BJSD weiter versuchen, den politischen Faden beizubehalten und sich zu engagieren. Eine der Aufgaben sei es, jüdischen Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion zu verhelfen, ihre jüdische Identität und einen Draht zu Israel zu finden, denn es fehle ihnen an beiden Verbindungen, betonte die Studentin für Kommunikationsmanagement, die selbst vor elf Jahren aus Rußland nach Deutschland gekommen ist. Künftig wolle der BJSD auch intensiver mit der European Union of Jewish Students (EUJS) und der World Union of Jewish Students (WUJS) zusammenarbeiten.

Die Organisatoren fühlten sich jedenfalls auch dadurch in ihrer Arbeit unterstützt, daß viele Dozenten auf ihr Honorar in Würzburg verzichteten und Solidarität mit den Studenten zeigten. "Ich halte es für sehr wichtig, solche Projekte zu unterstützen", beteuert beispielsweise Iris Weiss.

Die Seminarteilnehmer jedenfalls waren voll des Lobes. Maxim aus Aachen war vor allem nach Würzburg gekommen, um "Leute zu treffen, die ich seit langem nicht gesehen habe. Außerdem fand ich die Themen provokativ und interessant." Der Student aus Aachen sieht vor allem die Möglichkeit, durch den BJSD die sozialen jüdischen Kontakte, die er als Kind während der zahlreichen Machanot mit der Zentralwohlfahrtstelle der Juden in Deutschland geknüpft hatte, im Erwachsenenalter nicht abreißen zu lassen. "Außerdem ist es mir wichtig, gemeinsam mit Gleichgesinnten Ansichten über das Judentum und die Geschehnisse in Israel auszutauschen", erklärte Maxim. Die Begegnung mit Moshe Zuckermann beeindruckte ihn besonders. "Von dem konnte ich einfach nicht genug kriegen. Es war interessant wie er redete und zum Diskutieren anregte."

Jana aus Berlin war besonders überrascht von dem intellektuellen Niveau der Referenten. "Es war wie auf einer Universität. Solche Angebote fehlten bisher", meinte Jana, die nach einem fünfjährigen Aufenthalt in Israel erst seit einem Monat wieder in Deutschland lebt. Trotz einiger Kritikpunkte - so erschienen ihr manche Debatten über Israel zu linksgerichtet - habe sie doch zahlreiche Denkanstöße erhalten. "Ich habe sehr viel über verschiedene Themen nachgedacht." Auch sie nannte in diesem Zusammenhang Moshe Zuckermann, mit dessen Meinung sie zwar oft nicht einverstanden war, "aber ich mochte seinen Stil zu reden." Ebenso interessant fand sie Daniel Krochmalniks Einlassungen über die Tora. "Er erklärte sehr komplexe Sachen, die man normalerweise nicht so einfach versteht, sehr verständlich", lobt sie den Heidelberger Philosophieprofessor.

Dem BJSD schreibt Jana eine wichtige soziale Funktion zu. "Der BJSD ist die einzige jüdische Organisation in Deutschland, die uns jüdischen Studenten etwas bietet. Ich würde gerne noch aktiver dabei sein und selbst etwas organisieren." Sie bedauere es sehr, daß es offensichtlich viele jüdische Studenten gebe, die vom BJSD keine Ahnung haben. "Man sollte mehr machen, um jüdische Studenten zu gewinnen, um sie zu überzeugen, sich in jüdischen Kreisen zu engagieren."

Die gute Atmosphäre der Winter University lobte Nadya, die aus Mannheim nach Würzburg gekommen war. Die aus der ehemaligen Sowjetunion stammende Studentin fand ihre Hoffnung, in Würzburg jüdische Kontakte zu finden, erfüllt. "Für mich war der BJSD eine große Chance, mich zu integrieren." Sie habe in den drei Tage viele neue Menschen kennengelernt. Da sie selbst im Studentenverband Baden tätig ist, habe sie vergleichen wollen, wie Veranstaltungen auf Bundesebene ablaufen und wollte ihre Unterstützung anbieten. "Außerdem war ich sehr gespannt auf die Themen." Moshe Zuckermann habe ihr am besten gefallen: "Ich stimme in vielen Überlegungen mit ihm überein. Er hält den Frieden für möglich, ebenso wie die Tatsache, daß ein Teil Jerusalems von Arabern verwaltet werden könnte."

Auch Michael aus Stuttgart ist nach Würzburg gekommen, weil ihn das sehr umfangreiche Programm zusagte. "Und ich sehe: Es war die richtige Entscheidung." Rosella reiste extra aus den Niederlanden an. Dort besucht sie zweimal im Jahr jüdische Seminare. "Dann entdeckte ich die Homepage der Jewish Winter University und dachte mir, wieso nicht mal nach Deutschland fahren?" Die Sprache beherrsche sie noch nicht ganz und kenne noch niemanden. "Aber die Themen sind sehr komplex und es ist für mich interessant zu sehen, wie so etwas in anderen Ländern organisiert wird."

Für die Zukunft hat sich der BJSD hohe Ziele gesetzt. Er soll nicht nur als Institution des gemeinschaftlichen Austauschs unter jungen Juden dienen, sondern - laut Uriel Kashi - genauso "als demokratische Plattform, wo religiöse und politische Belange verwirklicht werden können."

Der BJSD hat derzeit seinen Sitz in Berlin und ist postalisch erreichbar unter bjsd, Joachimstaler Straße 13, 10719 Berlin, Telefon 030/88 55 13 03, eMail-Adresse: info@bjsd.de, website: www.bjsd.de

von Michael Olmer , 16. Januar 2002

Bundesverband Jüdischer Studenten in Deutschland (BJSD) e.V.

Berlin, den 16. Januar 2002

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