BJSD-Delegation bei den Gedenkfeierlichkeiten zum 60 Jahrestag der Befreiung in Auschwitz
Bei den zentralen Gedenkfeierlichkeiten in Polen nahm auch eine 8köpfige Gruppe des BJSD teil - darunter die BJSD-Vorsitzende Lena und auch drei befreundete nichtjüdische Aktivisten. Auf dem Forum "Let my people live" (www.auschwitzanniversary2005.pl), das unter anderem vom European Jewish Congress unter der Schirmherrschaft des polnischen Präsidenten Kwasniewsky in Krakau veranstaltet wurde redeten vor allem sämtliche wichtigen Staatsoberhäupter. Besonders der neue ukrainische Präsident Juschenko wurde begeistert empfangen. In seiner Rede berichtete er von seinem Vater, der als Rotarmist in Auschwitz inhaftiert war und überlebte. Für seine anschließende demonstrative Umarmung von Katzav und Kwasniewsky gab es Szenenapplaus. Den erhielt auch der verspätet eintreffende Vladimir Putin, als er in seiner Rede zugestand, dass es im gegenwärtigen Russland Antisemitismus gäbe und er ihn bekämpfen werde.
Ansonsten betonte Putin eine entschlossene Bekämpfung des islamistischen Terrorismus als eine Lehre aus Auschwitz, natürlich auch, um seine stark kritisierte Tschechenien-Politik zu rechtfertigen. Zwischen den Präsidenten verlas die ehemalige BJSD-Vorsitzende und jetzige Präsidentin der World Union of Jewish Students, Wicka Dolburd, zusammen mit einem Kollegen eine internationale Studentenresolution, die ein weltweites entschlossenes Eintreten gegen Antisemitismus und Rassismus und einen verstärkten interkulturellen Dialog fordert. Diese Resolution wurde Elli Wiesel überreicht, der als einziger unter den anwesenden Auschwitz-Überlebenden eine (sehr beeindruckende!) Rede hielt. Am Rande des Forums ergab sich für die BJSD-Delegation auch ein Gespräch mit Bundespräsident Köhler, der ansonsten kaum wahrzunehmen war. Er fragte interessiert nach unserer Einschätzung zum Antisemitismus in der BRD, zückte seine Visitenkarte und schlug vor, das Gespräch in Berlin fortszusetzen.
Im Anschluss wurden alle TeilnehmerInnen in einem sehr langen und aufwändig geschützten Buskonvoi zur Gedenkstätte Birkenau gefahren. Dort fand im Schneegestöber und von über 1000 Journalisten begleitet die zentrale Gedenkfeier statt - zwischen den beiden Krematorien am Ende der Bahngleise, dem zentralen Ort der Vergasung Hunderttausender Juden aber auch zehntausender Sinti und Roma. Der Vorsitzende des Zentralrats deutscher Sinti und Roma war deswegen auch unter den Rednern. Dazu redeten auch hier vor allem nochmal die Staatsräsidenten und es wäre eine recht routinierte Gedenkveranstaltung geworden, wenn nicht bei der Rede von Moshe Katzav plötzlich eine alte und nur mit einem T-Shirt bekleidete Frau neben das Rednerpult getreten wäre. Zuerst wollten Sicherheitsleute sie entfernen, doch sie ließ sich nicht beirren und ergriff nach Katzavs Rede energisch das Mikro. Auf polnisch berichtete sie erregt von ihrer Ankunft im Vernichtungslager, hielt ihren Arm mit der eintätowierten Nummer in die Höhe und rief, dass sie nach dieser Demütigung heute stolz darauf sei, einen eigenen Präsidenten (Katzav) zu haben.
Arne Behrensen